Lautreisen in die Deutlichkeit
Die Stimme ist ein unheimliches Instrument. Man moduliert, schmeichelt, schimpft
und hat doch, die Augen des anderen spiegeln es, etwas ausgedrückt, was
man keinesfalls sagen wollte. Das zwanzigste Jahrhundert entdeckte Ohr und Stimme
neu: Die Epoche der Aufzeichnungen begann. Gleich verstand man sich auf Experimente,
nahm die Ohrmuscheln eines Menschen in Gips ab und setzte sie einem anderen
auf. Das Ergebnis: Er hörte, verstand aber nicht. So empfindlich ist unsere
akustische Wahrnehmung kalibriert. Das Gehirn weiß, wie Schall die eigenen
Ohren entlangläuft und dort gebrochen wird. Wird etwas verändert,
muss man das Verstehen neu lernen. Und darf staunen über gesprochene Worte,
ihre Schwingungen, Verkettungen, den Reim, den Sinn.
Hören und staunen: 420 Gedichte, gelesen von ihren 122 Autoren. Die Aufnahmen
stammen aus hundert Jahren, die Herausgeber haben sie akribisch in Radio- und
Tonarchiven zusammengestellt, Annoncen aufgegeben, gesucht. Entstanden ist ein
einzigartiges Tondokument, das exklusiv aus authentischem Material besteht (siehe
auch: Hörproben aus der „Bibliothek der Poeten”). Jene, die
mit den geschriebenen Gedichten vertraut sind, überrascht es in fast jedem
Vers; jenen, die Gedichte ansehen wie überflüssige Blüten der
Literaturgeschichte, öffnet es Auge und Ohr.
Hofmannsthal hat nicht gefremdelt
Bereits 1907 bat man Hugo von Hofmannsthal vor die neue Technik. Die älteste
Aufnahme der Sammlung schnarrt, doch Hofmannsthal scheint vorm Aufzeichnungstrichter
nicht gefremdelt zu haben. Vor ihm liest Alfred Kerr - die Anthologie ist nach
den Geburtstagen der Autoren, nicht nach Aufnahmedaten geordnet. Das führt
zu interessanten Ungleichzeitigkeiten bei biographischer Altersnähe. Kerrs
Aufnahme etwa stammt zum größeren Teil aus dem Jahr 1947. Schon hier
zeigt sich, was den akustischen Gedichtreigen besonders spannend macht. Man
hört immer doppelt, den Zeitgeist und die sprechende Persönlichkeit.
In der Stimme des Exilanten Kerr klingt das alte Pathos des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts nach. Das letzte Gedicht ist Tochter Puppi gewidmet, kräftig
fährt ihm da die Rührung in die Stimme, er denkt an den eigenen Tod
und kann kaum zu Ende lesen.
Ein Medieneffekt, ein Fehler? Heute schnitte man das. Kerrs Stimm-Bruch ist
sentimental, doch auch eindringlich. Man spürt eine gewisse Mediennaivität
- und ahnt zugleich, wie sehr man von den Sprech- wie Hörkonventionen der
eigenen Zeit eingeengt wird. Die Stimme ist auch Modegerät, eigen- und
fremdbestimmt, gefärbt von den zeitgenössischen Gewohnheiten des Sprachgemeinwesens,
dem der Text angehört. Über Gefühlsausdruck, über Ironie,
Trotz, Wut, Pathos, Coolness, Kitsch lässt sich hier, dem eigenen Hören
nachlauschend, wunderbar nachdenken.
Von Jandl zu Gernhardt gemopst
Die gesprochenen Gedichte sind Reisen in die Deutlichkeit. Welch Pathos zu Beginn:
Dem Liebesgedicht von Ricarda Huch folgt eine Flut männlichen Singens von
Blut und Welterlösung. Die Gedichte belegen anfangs ein nahezu unheimlich
ungebrochenes Verhältnis zu einst „großen“, bis heute
verbrauchten Wörtern wie Heimat oder Seele. Wer zuhört, lernt aus
dem Vorbeifliegen eines Gedichts mehr als aus langen historischen Ausführungen,
auch weil sich die Herausgeber bemüht haben, unterschiedlichste Stilrichtungen
aufzunehmen. Die Gleichzeitigkeit eines Arp oder Schwitters, der seine „Anna
Blume“ mit rollendem „R“ „Frauenzimmer“ ruft,
bevor er sich auf die wilde, hörenswerte Reise in seine „Ursonate“
begibt, die er ruft, singt und in der Kehle quirlt bis zum Vogelton, die Gleichzeitigkeit
dieser Sprachformen mit den Balladen eines Bert Brecht und dem einzigen Tondokument
des Nazidichters Josef Weinheber spricht Bände für sich.
Man entdeckt, wie sich über Jahrzehnte hinweg Ketten zwischen den Dichtern
bilden, Anregungen und Abstoßungen. Kriegs- und Botschaftsreime, Wortverdreh-
und Lautgedichte. Hausmann und Pastior sind, selbstverständlich, verwandt.
Zwischen den Reihen- und Grammatikgedichten Mons und Rühms erklingt die
grottig-heitere Stimme von Priessnitz, ihr schließen sich der Klingsche
Schnarrton an, die schweizerisch gefärbte Vortragskunst von Christian Uetz
und der Lentzsche Energiestoß „Poesie“. Munter wird gereimt,
geholpert, gestolpert, im Dialekt gesprochen, gebrochen und radebrecht, wie
die Kunst es nur hält, und von Jandl zu Gernhardt gemopst. Man ist ironisch,
müde, pathetisch, abgehoben, spielerisch, komisch, scharf entspannt, „noch
Seher oder schon Spanner?“ ( Rühmkorf). Den Medienprofi Benn, der
schon in den zwanziger Jahren das neue Radio enthusiastisch begrüßte,
hätte ich gern mit Gedichten aus dieser Zeit gehört. Nun liest er
Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, ganz ohne Knattern und
mit schichtiger Stimme, und gleich versteht man, warum er ein so erfolgreicher
telefonischer Frauenberater war.
Jetzt wird man Gedichte anders lesen
Hie und da raunt es, hie und da ist ein Autor wohl nur mehr von historischem
Interesse. Das steht der Anthologie nicht schlecht: schließlich hört
man nur, was man hört, wenn man auch anderes hört. Einer der Höhepunkte
hier: Herr Becher trägt ein Verherrlichungsgedicht auf Stalin vor, bei
Stalins Beerdigung. Ein Fund, der zeigt, wie die Stimme die neue Zeit mit überalterten
rhetorischen Mitteln beschwört, wie sie härter wird von Vers zu Vers
und sich am Ende fast überschlägt.
Nach dem Hören dieser Anthologie wird man Gedichte anders lesen. Für
viele sind Autoren grauweiße Fotos in Literaturgeschichten. Hier geht
das anders: Berlin, Preußen, Bayern, Hamburg, Wien, die Schweiz und mehrere
Deutschlands melden sich. Und jedes Mal zeigt sich der einmalige, konkrete Mensch,
der der Autor war. Ja, er hatte eine Stimme. Er lebte.
Gerade die Dichterinnen
So schrecklich, heißt es, habe Celan 1952 beim Treffen der „Gruppe
47“ gelesen, dass er „durchfiel“. Das kann man sich, bezogen
auf den Hörkontext der frühen fünfziger Jahre, nun ansatzweise
vorstellen. Celan liest aber großartig. Seine Stimme ist - wer öfter
hört, entdeckt es - voller Tore. Da entsteht jedes Gedicht vielfach, indem
man es gelesen hört.
Christine Lavant hingegen sprach vollgesogen wie ein Schwamm und fuhr mit huschenden
Bewegungen über die Zeilen. Schön, dass ein Tondokument dieser erst
vor einigen Jahren wiederentdeckten Dichterin aus dem österreichischen
Lavanttal gefunden wurde. Überhaupt ist auffallend, wie gut es gerade den
Dichterinnen gelingt, ihre Texte intim und berührend vorzutragen. Kaschnitz
liest auch 1958 ganz ohne falsche Pathosnähe. Ein Schlüssel: Rose
Ausländers bukowinisches „R“, überraschend die kräftig-zarte
Stimme der Mascha Kaléko, die Gedichte zum Leuchten bringt. Da bedauert
man, dass sich unter den 122 Autoren nur zwanzig Frauen finden. Gewiss, Dichtung
geht nicht nach Zahlen, und auch bei den Männern fehlt der eine oder andere
Name. Aber so frauenarm ist die deutsche Dichtungslandschaft zum Glück
nicht, und wenn auch von den Älteren Tondokumente fehlen mögen (ich
denke an Hertha Kräftner, Inge Müller, Emmy Hennings, Else Lasker-Schüler),
so trifft das auf Zeitgenossinnen wie Ursula Krechel, Anne Duden, Evelyn Schlag,
Brigitte Oleschinski, Kathrin Schmidt oder Dorothea Grünzweig, um nur einige
zu nennen, nicht zu.
Ein Schatz
Daraus folgt: Das schöne Projekt ruft nach Erweiterung. Das ist das beste
Kompliment. Den Herausgebern gebührt aller Dank insbesondere für das
Abenteuer, das sie uns eröffnen. Das Leben der Stimmen ist ein Schatz:
irritierend schön.
Michael Hamburger spricht. Als Kind musste er Nazideutschland verlassen, so
wurde er englischer Dichter. Er liest seine Gedichte doppelt: erst auf Englisch,
dann die Übersetzung ins Deutsche. Es ist einer der berührendsten
Momente dieser Bibliothek: Hamburgers Stimme lässt die Gebrochenheit seines
Lebenswegs hören. In ihren Färbungen klingen eine ferne Kindheit und
die politischen Verwerfungen des Jahrhunderts wider. Spätestens nun weiß
man es zu schätzen: Gedichte sind für Ohren gemacht, von lebendigen
Menschen für lebendige Zuhörer, durch die Zeiten hindurch. Die Stimme,
das heimliche Instrument, verbindet uns.
Ulrike Draesner
„Lyrikstimmen - Die Bibliothek der Poeten“. 100 Jahre Lyrik im Originalton.
Herausgegeben von Christiane Collorio, Peter Hamm, Harald Hartung und Michael
Krüger. Der Hörverlag, München 2009. 9 CDs
Schematische Darstellung eines Essays aus der FAZ vom 27.11.2009 mit freundlicher
Genehmigung der FAZ