Sehnsucht nach dem wahren Leben
Friaulische Gedichte von Pier Paolo Pasolini
Ilma Rakusa · Pasolini war knapp zwanzig Jahre alt, als er im friaulischen
Heimatdialekt seiner Mutter zu dichten begann. Die «Gedichte an Casarsa»
(1941–43) sind eine Hommage an Dorf und Landschaft, an die Archaik des
ländlichen Lebens und an die Gestalt der Mutter, die alles Heimatliche
verkörpert. Sie handeln aber auch vom Sohn – dem «Kind»,
dem «schönen Knaben» und Narziss –, der Sehnsucht und
Selbstbespiegelung in orphische Verse bannt. Das geht nicht ohne Anrufung, nicht
ohne den hymnischen Ton jugendlicher Ekstase, darin Gott und Stall, «Laubgeheimnis»
und «welke Rosen» zueinanderfinden. Gleichwohl ist Pasolini von
einem postromantisch-epigonalen Sound weit entfernt, da er den friaulischen
Dialekt zu seiner «Paradiessprache» macht. Der Dialekt bedeutet
Unmittelbarkeit und Verfremdung, Volksnähe und Stilisierung zugleich.
Ende der ewigen Wiederkehr
Und sollte die Sprache der Utopie und der Antibürgerlichkeit bleiben. Zwar
zieht Pasolini 1949 – nachdem er sechs Jahre als Lehrer in Casarsa tätig
war – nach Rom, schreibt dort hochsprachlich-italienische Gedichte, neorealistische
Romane, kritisch-polemische Essays und schliesslich Drehbücher, die seine
einzigartige Karriere als Filmemacher begründen, doch der Dialekt begleitet
ihn. 1974, ein Jahr vor seinem gewaltsamen Tod, nimmt er den frühen friaulischen
Casarsa-Zyklus und die «Suite Furlana» von 1944–49, zusammengefasst
unter dem Titel «Die bessere Jugend», wieder auf und schreibt sie
gleichsam neu, indem er Gedicht für Gedicht, Strophe für Strophe variiert.
Bei gleichbleibender Sonorität wechseln die Inhalte; was das Leben in der
Zwischenzeit schrieb, findet schmerzlichen Eingang in die Verse. «Die
ewige Wiederkehr ist an ihr Ende gekommen: Die Menschlichkeit hat sich aus dem
Staub gemacht», kommentiert Pasolini die «Zweite Form der <Besseren
Jugend>».
Dieser Prozess des Fortschreibens bzw. Umschreibens lässt sich in einer
schönen zweisprachigen Ausgabe des Urs-Engeler-Verlags nachvollziehen,
die überdies den späten Zyklus «Dunckler Enthusiasmo»
enthält. Sie gewährt faszinierenden Einblick in die Werkstatt des
Dialektdichters Pasolini – und in die des Nachdichters Christian Filips.
Um es vorwegzunehmen: Filips ist der immens schwierigen Aufgabe, für das
Friaulische einen deutschen Dialekt (aber welchen?) zu wählen, ausgewichen,
indem er den Grossteil der Gedichte in ein «vokalgeleitetes Hochdeutsch»
übersetzt hat, «das mitunter vielleicht an Hofmannsthal oder Trakl
erinnert und an den hohen Ton des Decadentismo gemahnt», einen kleineren
Teil aber «in die mystische Innigkeit eines späten Mittelhochdeutschs»
bzw. «in das prophetische Deutsch der Bibelübersetzung Martin Luthers».
Gewagt ist das allemal, schon weil dadurch die Einheitlichkeit des Pasolinischen
Tones verloren geht. Zu fremdartig ist die mittelhochdeutsche Stilisierung,
zu wenig verfremdet das Hochdeutsch. Vielleicht hätte es eines Pastiorschen
Kunstdialekts bedurft, um dem Original gerecht zu werden. Filips' zwitterhafte
Lösung bleibt ein Angebot der Vorläufigkeit; dennoch ergreift man
es gern, zumal es durchaus Reize zu entfalten vermag.
Man mache sich nichts vor: Pasolinis «dunckler Enthusiasmo» liebt
das Kryptisch-Hermetische, und dass er sich eines auch für Italienischsprachige
fast unverständlichen Dialekts bedient, macht ihn noch dunkler. Doch folge
man den liedhaften Intonationen, den «Kinderreimen», den Tanzrhythmen
und quasi-liturgischen Aufzählungen, und manches hellt sich auf. Oder konturiert
sich durch spätere Varianten. Als Beispiel hier das erste Gedicht des Zyklus
«Der Teufel mit der Mutter» aus der «Suite Furlana»:
«Mutter, wach auf, aber bitte / nicht schreien, still! Dein Sohn / ist
schon wach, er hat in der Kammer / an den nackten Wänden Licht gemacht.
// Er sieht den schwarzen Stuhl, / Kleider aus Wachs und Blut, / sieht die gekalkten
Balken, / sieht die Mäuse im Klosett.» In der Fassung von 1974 heisst
es: «Mutter, schlafe Deinen Schlaf, / der Niemandes Schlaf mehr ist, /
träume! Dass Dein scheues Leben / ein Regen begleite im Jahr 74! // Ich
bitte Dich, bleib in der Einbildung / des Schlafes, die Dich hält in dieser
Welt: / suche nach der Stille wie ein Knabe / erschrocken vom Schritt meiner
Füsse.»
Unweigerlich wird man als Leser voyeuristischer Zeuge von Lebensprozessen. Eben
noch pumpt der Sohn (im dritten Gedicht) einsam Wasser und «pisst in die
Nacht unter Sternen», rund dreissig Jahre später schweigt er, «weil
er zum Sprechen nicht neue Wörter hat». Entfremdung und soziales
Malaise sind den späten Versen eingeschrieben («Mutter, die ehrlichen
Leute sind nackt: / der Teufel flieht vor ihrem Blick, verjagt / vom jungen
Christus und vom alten Paulus.»); die friaulische «Paradiessprache»,
Symbol einer heilen Welt, dient nun (auch) dazu, Unheil und Unbehagen auszudrücken.
Das bedeutet Reibung, Dissonanz, doch so weit abgemildert, dass schrille Verzweiflungstöne
keine Chance haben. Immer noch wirkt die versöhnliche Kraft des mütterlichen
Idioms – Sehnsuchtsmetapher angesichts von Todesahnungen.
Schlechte Realität, kindliche Träume
Im italo-friaulischen Zyklus «Dunckler Enthusiasmo» (1973–74)
ist manches direkter angesprochen: Italiens faschistische Vergangenheit, «Konformismen»,
«falsches intellektuelles Gehabe», Resignation. Dass das Räsonnement
nicht zum ideologischen Diskurs gerät, dafür sorgt die bewegliche
lyrische Mischsprache, die Christian Filips – im Gedicht «Sinn des
Beweinens» – folgendermassen wiedergegeben hat: «Han die trostes
not? Not zu beweysen? / Was sagen sie das wieder sich vnd wieder? / Die wissen
nit, wir wissen nit, die reychen, / die seyn die ersten, die sich frewn // amb
wolstandt? Die Modelle des Fortschritts / waren Realität. Ist es vielleicht
realistisch, / diese Realität anzunehmen? Ihre Probleme / zu unsern zu
machen? (Grünanlage, Gesundheit, // Ausbildung, Altersvorsorge?) Wer hat
uns / denn dieses Gemenge beschert? Wieso, // verdammt nochmal, zum Realisten
werden / und beitragen zur Lösung dieser Probleme?»
An der schlechten Realität einer konsumorientierten Massengesellschaft
war Pier Paolo Pasolini nicht interessiert. Er erträumte sich – kindheitsbesessen
– eine bessere Welt für sich und für alle. Seine sensiblen friaulischen
Gedichte sind Beweise seiner lebenslänglichen Utopie.
Ilma Rakusa
Pier Paolo Pasolini - Dunckler Enthusiasmo, Friulanische Gedichte, übersetzt
von Christian Filips
Sammlung Urs Engeler Editor, Band 77, November 2009
Dies ist eine schematisch vereinfachte Darstellung einer Rezension der Neuen
Zürcher Zeitung vom 24. November 2009 mit freundlicher Genehmigung