bayrisch-seeland
(ödelchen)

das war der golden zittrige staub: auf den wegen
den rainen die kleinen christusschädel gespalten
- auch da unten der süden, die berge, der schatten
hatten ein meer.
..........wir wollen schnaps brennen gehen, birnen kehren
wieder im kirchgelb, türme tragen zwiebeln. von erde
zu träumen war stoff. großvater s. nahm die hände der frauen
die er fing
..........ab in gips. über die wiesen den großporigen staub
sprang manche ihm davon. millischeckerl. katzenpratzerl.
was zukam lag händisch im speicher, weiß träumende finger
kaum träumte
..........er. mächtig beim kloster schimmerten durch den karfiol
die seelen des dorfs. eine sau warf ferkel in allen regenwurmfarben
und schnürlregen verband die oberen und unteren provinzen
bayrisch -
..........seeland. was rutscht der friedhof am hang und die felder
verdreht ein einfacher laut wie w- w- wetterbleaml den hiasigen
hinnigen, den vierteldenseinen mir kopf was ziehen die wolken über
die geodelten wege
..........den liebenden staub.



Zu "bayrisch-seeland (ödelchen)"
von Ulrike Draesner

Selten spricht meine Mutter über ihre Kindheit, doch manchmal zieht sie die erstaunlichsten Dinge hervor, "Dinge" in Bildern, die mir zu träumen scheinen.
...Der Vater meiner Mutter war Dorfgendarm, obwohl er gern Philosoph geworden wäre. Im Erdgeschoss des Gendarmenhauses fanden sich Amtsstube und Gefängniszelle, darüber wohnte die Familie. Nahm mein Großvater eine Frau fest, sagt meine Mutter, musste er sie über Nacht in die Zelle sperren und am nächsten Tag persönlich ins fünf Kilometer entfernte Frauengefängnis überstellen. Dabei war er verpflichtet, die Verdächtige für den Fußweg über die Felder mit einer Handschelle an sich zu ketten, aber Großvater mochte die Schellen nicht. Nur die ungeschicktesten Frauen kamen mit ihm vorm Gefängnistor an.
...Zur Strafe verpflichtete man ihn, nicht nur einen Fingerabdruck der später Flüchtigen zu nehmen, sondern einen Abdruck ihrer gesamten Hand. Meine Großmutter rührte den Gips, ihr Mann überwachte die Abbildung. Meine Mutter sagte: die makellos weißen Abdrücke der Hände und Unterarme all der Frauen, die ihm die Jahre hinweg querfeldein entsprangen, lagen im Speicher über uns. Da sah ich meine Mutter und ihre Geschwister in ihren Betten schlafen im bayrischen Licht eines längst vergangenen Sommerabends, und über ihnen schwebten die weißen, träumenden Hände, wie Wolken, und zogen am Himmel vor und zurück.
...Mein Großvater starb, als meine Mutter zehn Jahre alt war. Für mich ist er ein Schatten, auf zwei drei Geschichten reduziert. Und die Biologen sagen, ein Viertel seiner Gene treibe munter ihr Wesen weiter in mir?
...Das Gedicht, das all dies ausdrückte... In meinen Versuchen kommen inzwischen immerhin Hände vor, inmitten bayrischer Feldblumen, neben Karfiol (Blumenkohl) und Zwiebeltürmen. "Odeln" meint in Bayern: ein Feld mit Jauche düngen. So gefiel es mir besonders, der Tradition der ehrenwerten Ode ein bayrisches Ödelchen samt kleiner (Duft)Blume und schwimmender Seele anzuhängen - den liebend gefangenen Staub.



aus der Anthologie: "Laute Verse", herausgegeben von Thomas Geiger, dtv 2009