Auf den Lehrpfaden der Abwesenheit
Als käme Klarheit auf, als öffneten sich Fenster: Neue Gedichte
Marion Poschmanns erzählen vom Scheitern der Blicke
Was sieht eigentlich wirklich, wer Geister sieht? Sieht er Produkte seiner
Einbildungskraft oder real existierende Phänomene? Schon diese alternative
Frage hat viel mit Kunst zu tun: Denn sie stellt das Visionäre dem Realistischen
gegenüber, die Geisterbeschwörung dem konkreten Befund, und beiden
Wahrnehmungsformen lassen sich spezifische Künstlertypen zuordnen: Man
kennt in allen mimetischen Künsten den trunkenen, von göttlicher
Eingebung begeisterten Seher und den nüchtern Beobachtenden, der notiert
und mehr oder weniger geistvoll deutet, was vor aller Augen liegt.
In Marion Poschmanns neuem Gedichtband trifft man beides an: Da ist von Thomas
Manns Teilnahme an okkulten Geisterbeschwörungsséancen beim Freiherrn
von Schrenck-Notzing ebenso die Rede wie von umspringenden Ampeln während
einer Autofahrt oder von den buntesten Badebekleidungen in einem Schwimmbad.
Aber die Bilder, die sich hier wie dort bei der Betrachtung der Geister und
der Dinge einstellen, sind uneindeutig, unscharf, vage, trügerisch.
Test- und Trugbilder
Dementsprechend heißen die Überschriften der Zyklen des Gedichtbandes
„Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“,
„unscharfe Jahreszeiten“, „Trugbilder: Herbarium“,
„die Geisterseher“, „Nachbilder: Kanäle“, „Bildnisse“,
„Lehrpfad der Abwesenheit“ – stets geht es um die Unverlässlichkeit
des Sichtbaren. „Was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare“,
heißt es in einem „Imponderabilien“ überschriebenen
Gedicht, das den Dialog zwischen Vater und Sohn aus Goethes „Erlkönig“
in den Dialog einer schwangeren Mutter mit der Tochter in ihrem Leib transponiert.
Nebel, Dampf, Dunst und Dämmerung befördern hier und in manchen
anderen Gedichten die Undurchschaubarkeit und Unfassbarkeit der Erscheinungen:
„es ist / nichts zu erkennen“.
Die „Einsichten“ und die „Aussichten“, die bei solcher
Betrachtung gewonnen werden, sind gleichermaßen vage, wie beispielhaft
zwei aufeinander folgende kunstgerecht gereimte Sonette in passablen Alexandrinern
zeigen; das zweite von ihnen („vage Aussichten“) beschreibt am
selbst schon bezeichnenden Beispiel von Quallen, in welche Widersprüche
die Bemühungen führen, sie zu begreifen: „ich sah die Quallen
schweben, / sah ihren Körper kaum, ein blasser Sack, nicht mehr / erkennbar
als ein Ding des Wassers. gläsern, leer / der blanke Hintergrund, an
dem Gedanken kleben, / als käme Klarheit auf. als öffneten sich
Fenster / auf das, was war, auf nichts. Erinnerungsgespenster, / zu ungreifbar,
zu zart. die Blicke scheitern hier.“ Das Scheitern der Blicke, die Aussichtslosigkeit,
eine bequeme Eindeutigkeit bei der Entzifferung der sichtbaren Welt zu erreichen,
ist das Leitthema.
Traditionelle Sonettform
Dabei benötigt Marion Poschmann nur selten die festgefügte Form
des Sonetts, die bündige, sentenzhafte Aussagen begünstigt. Die
meisten Gedichte sind reimlos und frei von metrischen Schemata, sie bedienen
sich allerdings durchaus einer stark rhythmisch und rhetorisch bestimmten
Sprache und einer ins Auge springenden kleinteiligen strophischen Gliederung,
die die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Verlauf und auf das oft pointierte
Ende der Gedichte lenkt. Nicht selten gehen sie von einer Situation, einer
Begebenheit, einem Natur- oder Kunstphänomen aus, führen dann in
eine Reflexions-, Abstraktions- oder Metaphorisierungsphase und münden
ein in einen resümierenden Rückbezug auf das betrachtende Subjekt
oder das betrachtete Objekt.
„Zählbares lag. lag da und wartete / auf unsern Blick“ –
so beginnt das Gedicht „Tilia cordata (Winterlinde)“; es geht
aus von der zählbaren Umgebung (Plattenbau und Imbissbude) dieses Baums
mit seinem unzählbaren Lindenduft und der Heilkraft des Lindenblütentees,
sieht ihn dann abstrahierend „eingefaßt von meinem / Denken in
blumigen Mustern“, um mit der generellen ironischen Pointe zu schließen:
„erst jetzt wussten / wir, was Blümchentapete bedeutet. / und die
Beweislast liegt immer bei uns.“ Mit der Rationalität der Zahlen
und mit Nützlichkeitserwägungen ist dem Lindenbaum offensichtlich
nicht beizukommen.
Thematisches Gesamtkonzept
Selten begegnet man einem Gedichtband, der eine so sorgfältig gestaltete
thematische Gesamtkonzeption mit weitreichender Gedanklichkeit und sinnlich
wahrnehmbarer, konkreter Bilderwelt verbindet, ohne das denkende, fühlende
und redende Ich auszuschließen. Es ist allerdings kein von den Befunden
überwältigtes Ich, das bekennt, wie es leidet oder was es beglückt.
Ein Rest von Distanz gegenüber den Phänomenen bleibt immer präsent.
Das äußert sich schon darin, dass die meisten Gedichte die Vergangenheitsform
bevorzugen: Das Imperfekt regiert, das Referat; nicht gegenwärtiges Empfinden,
sondern das Nachdenken über Vergangenes. Ein epischer Grundzug, der Hauch
der Historizität haftet den Gedichten an. Man könnte fast von Berichtgedichten
sprechen.
Distanzierend wirken auch die Kunstmittel der Mehrdeutigkeit, der Anspielungen
und Zitate (sogar Rilkes „verneinende Gebärde“ kommt einmal
vor) und besonders die auf neue Art verbundenen Hauptwörter, in denen
man jeweils ebenso poetische wie reflexive Konzentrate der Betrachtungen erkennen
kann: „Zerpflückungswünsche“, „Verwirrungsmuster“,
„Auflösungsängste“ – seit Gottfried Benn hat niemand
solche Kombinationen so souverän produktiv gemacht.
Das holde Ungefähr
Marion Poschmanns Gedichte wenden sich geist- und kunstvoll dem Heikelsten
zu, was der Lyrik nachgesagt werden kann: dem Unklaren, dem Unfassbaren, dem
„holden Ungefähr“. Aber sie zählen dabei nicht auf das
gefühlige Mitschwingen, sondern auf das um Aufklärung bemühte
Nachdenken des Lesers. Das macht sie zu einem beglückenden Leseerlebnis.
Wulf Segebrecht
Marion Poschmann: „Geistersehen“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin
2010
Dies ist eine schmematische Darstellung einer Rezension aus der FAZ vom 17.
April 2010 mit freundlicher Genehmigung