Ronald Pohl im Gespräch mit Christian Steinbacher
über seinen Gedichtband „Winkschaden, abgesetzt. Gedichte und Stimmen“
Ronald Pohl
„...verfänglich ist alles, / was man so auflässt, es aufliest“:
Zählt man die Maschen des Gedichts, wird dann gleich ein Strickzeug daraus?
Nein, im Ernst: Was ließe sich aus Deiner Warte über Schreibanlässe
sagen? Sind es die berühmten „Funde“ – Wahrnehmungen,
kontingente Berührungen der Anklangsnerven –, die Dich zum Dichten
anregen?
Christian Steinbacher
Es gibt zwar vereinzelte Versuche, größere Szenerien – eine
Rückengymnastikstunde oder der Blick eines älteren Herren auf sich
tummelnde, junge Schauspieler im Hinterhof – zu entwerfen, die meisten
der Gedichte zeigen sich aber als relativ unverortbare Knäuel aus sich
aneinander reibenden Gedanken und Bildern. Die darin ausgefalteten Momente werden
nicht vorab fokussiert, sondern entstehen in der Erarbeitung des Gedichts. Ich
setze mich hin und beginne mit Wörtern und Bildern zu tändeln, und
schon ergeben sich etwa ein interessant zu verdrehendes Idiom oder zwei zu kreuzende
Bilder. Aus dieser Wenigkeit (und Wendigkeit) heraus wird dann weiter gearbeitet,
und erst da, also später, wird eine mögliche Grundierung gesehen.
Und erst dann wird diese an dem Gedicht so herausgearbeitet, dass diese ein
durchaus auch welthaltiges Bild samt persönlicher Einschreibung und Erinnerung
evozieren lässt. Im Ergebnis hat nun eine vor sich hintreibende Sprache
ebenso statt wie das Evozieren von Momenten und Stimmungen. (Die von dir benannten
„Funde“ der Wahrnehmung stehen aber hier nicht im Anfang, sondern
werden erst mit der Zeit – und die Gedichte sind nicht Mitschriften, sondern
werden über längere Zeit bearbeitet und neu angereichert – ein-
und ausgebaut, um dem Text Anker und Gewicht mitzugeben.)
R. P.
Deine Dichtung ist ein schönes Beispiel für das Niederreißen
mitschwingender (oder instinktiv vorausgesetzter?) Bedeutungs-„Hierarchien“.
Was wären, ab ovo, die mit der Verarbeitung von Fundsachen einhergehenden
Selbstbeobachtungen? Noch anders: Ab wann verdichtet sich das Ausgangsmaterial
zu „poetischer“ Materie? Zu oder ab welchem Zeitpunkt gelangst Du
zu der Einsicht, hier habe sich etwas so weit verfestigt, dass es (Dich) zum
Fortschreiben einlädt oder dazu geradezu auffordert? (Die unterstellte
Bewegung lässt sich natürlich immer auch umgekehrt denken: Wir hätten
es dann mit Zerfallsprozessen und ihrer bewussten (?) Steuerung zu tun...)
C. S.
Sobald was am Papier steht, habe ich das Bedürfnis, es in weiteren Umschreibungen
zu umkreisen, es spielerisch auszubauen. Zugleich habe ich den Drang, es auch
einer Negation zuzuführen. Mag sein, dass hier Sprachlust mit einer Skepsis,
da alles Geschriebene und Gesagte stets auch zu Missverständnissen führt,
verhandelt. Ab wann sich etwas verfestigt, ist eine Frage langjähriger
Erfahrung mit Texten. Von der Text-Bewegung her fallen Auf- und Abbau allerdings
in eins, da neutral betrachtet beides ein Bauen ist. Und es mag gelten, dass
es immer geht, etwas jeweils auch anders anzudenken, und ein Seitenhieb gerät
dann zugleich ernst gemeint und verballhornend, etwa eine Stelle wie „was
droht der Not dann außer Licht“.
R. P.
Du verarbeitest Selbstappelle: Die – gelegentlich auch kokett einbekannte
– Hemmung des Beginnens verkehrt sich in ein Ahnden von Voraussetzungen;
es entstehen im lesenden Nachvollzug Symmetrien, aber eben auch „Störfälle“,
Stolperfallen und Verhärtungen. Korrekt?
C. S.
Völlig korrekt. Die Stolperfallen sind auch im Buchtitel markiert. Das
Wort Winkschaden entstammt der Sprache der Eisenbahnfreaks, die, wenn auf einem
Foto jemand aus dem Zug winkt, das Foto als schadhaft einstufen. Auch diese
Gedichte weisen immer wieder etwas auf, was ich (mit den russischen Absurden
wie etwa Charms) als kleine Defekte bezeichnen möchte. Diese Ausrutscher
unterschiedlichster Art, vom Bildbruch bis zu verwischten und vermischten Idiomen,
von einem plötzlichen Implodieren des Metrums bis zur syntaktischen Überdehnung
und Verrenkung, halten für mich Texte lebendig. Auf den ersten Blick inkongruent
erscheinende Verknüpfungen und Benachbarungen von Wörtern oder Bildern
beleben auch, weil sie zur Konzentration im Lesen ermuntern; zugleich werfen
die Aushebelungen dabei ein Licht auf das gewohnterweise Verknüpfte in
seiner nicht minderen Gemachtheit und Scheinhaftigkeit. Das Du ist nicht stets
„Selbstappell“, wie du sagst, sondern changiert auch zwischen einem
angesprochenen Selbst und einem Gegenüber. Nicht bloß die diversen
Sprachebenen von Alliteration bis zu Rhetorik, die abwechselnd nach vor treten,
sondern gerade die (Sprech-)Perspektiven des Textes sind es ja auch, die hier
in Bewegung gehalten sind. Es gilt dabei die möglicherweise sogar altruistische
Aufforderung an den Leser, gemeinsam mit dem das Gedicht gefertigt Habenden
die ihm innewohnenden Purzelbäume nachzuvollziehen.
R. P.
Das „Kleid“ oder der „Mantel“ des Gedichts wäre
dasjenige Textil, das beim (oder durch das) Tragen „verschlissen“
wird: „...bald stünde hier ja nichts mehr ein für Klärung“.
Demgegenüber steht die „Idee“ des Gedichts – gleichsam
platonisch gesprochen. Was mich an Deiner Arbeit so verblüfft (und, by
the way: beglückt), ist Dein Zutrauen in die „Haltbarkeit“
der Gedichtform: Du unterziehst, bei virtuosester Handhabung, die Strophen-
und Versformen unglaublichen Belastungen; Du verkehrst die „Ungunst“
der Sprache in ein erlösendes, oftmals erheiterndes „Etwas“
– ich denke etwa an Deine Manier, die dem Versfall anbequemte Syntax zu
Reihungsphänomenen zu „missbrauchen“, mit der Nachstellung
von Präpositionen und Flexivpronomina zu arbeiten et cetera. Noch einmal,
zur Frage verdichtet: Woraus schöpfst Du Dein unglaubliches Zutrauen in
die Haltbarkeit des lyrischen Gebildes, des geregelten und tarierten „Maß-
und Passwerks“?
C. S.
Ja, diese Texte haben oft eine Tendenz, ihren eigenen Verschleiß mit zu
thematisieren. Das vollzieht sich über einen formalen Abgleich, etwa wenn
akkurat der eingangs erwähnten, eher kompakten Gymnastikszene kein Ende
gewährt wird, indem mehrere Nachsätze in Klammern alles wieder zum
Verschwinden bringen. Und es vollzieht sich über eine Unzahl selbstreflexiver
Einwürfe und Entgegnungen. Vielleicht ist das Verfahren dieser Gedichte
(und trotzdem es in manchen Arbeiten wie dem in dem Buch enthaltenen Wartholzpreistext
um ein Ausloten der Spannkraft geht) weniger ein Maß- und Passwerk, sondern
ein Ineinanderstürzen als permanenter Umschlag. Die umschlagenden Unentschiedenheiten
finden sich auch in den Sujets: Mal ein Ruf nach mehr Abgleiten, mal nach Einhalt,
mal der Ruf danach, möglichst viel zu entsichern, mal nach mehr Verankerung,
und wir wie aufgerieben dazwischen.
R. P.
Zimmer Küche Hof und Speicher – Welt-Orte?
C. S.
Die Aufzucht von Evokationen und Ausfaltungen von Momenten kann überall
stattfinden. Je unauffälliger der Ort ist, umso mehr kann die Gestimmtheit
eines Moments und die Gemachtheit dieser Gestimmtheit nach vor dringen. Unabhängig
davon lasse ich gerne Utensilien des Alltags und Haushalts Einspruch erheben,
wenn die Gedanken zu sehr ausfransen. Das ist auch eine Art Bodenhaftung, die
in aller Komik in Szene gesetzt wird.
R. P.
Vom Magenta-Rot zu Fipps dem Affen und seinem Busch: Nicht immer werden die
Verlaufsformen Deiner Ableitungen hinlänglich ausgewiesen (kein Vorwurf,
naturgemäß). Ist Dir die Haltung eines präsumtiven Lesers oder
Hörers plausibel, der Deinen Weg durchs Nadelöhr des Wischens, Meinens,
Wisperns, Tönens, Tirilierens nicht mit Dir teilen kann oder will? Anders
gefragt: Ab wann begänne der Triumph des Random – so, dass sich das
Chaos förmlich von der ihm inkrustierten Form loseist, dass das Gedicht
als entropisches Gebilde nur noch auf etwas Größeres, Unbehaglicheres
verweist, als es selbst ist oder zu sein vermag?
C. S.
Zum einen komme ich ursprünglich aus einer präsentistischen Schreibtradition,
die (wie etwa Gerhard Rühm) versucht, das, was sie beschreibt, in diesem
Schreiben auch zu tun. Andererseits zieht mich vermehrt an, etwas (wie etwa
Blanchot und seine Devise, dass Literatur sich wichtig nimmt, indem sie sich
zum Zweifel macht) als nicht da seiend mitanzusprechen, also eine unter allem
befindliche Lücke zu betonen. Das Gedicht „In freiem Sputum“
(statt „Metrum“) gibt eine Besingen der vergeblichen Müh’,
und zwar der vergeblichen Mühe des Besingens, das, indem dieses Besingen
geschieht, eben nicht vergeblich war usw.. Solch innere Widersprüche versuche
ich zu forcieren. Hinzu kommen dann noch Tendenzen, den Textfluss zu stoppen,
indem mit Sprache Unvorstellbares ermöglicht wird, „das bringt die
Masern auf den Punkt“ zum Beispiel. Da ich detailverliebt sinnlich und
mit einer barock vertrackten Umschreibungskunst agiere (als Beispiel: „mit
Leerung überfüllt wirkt vollends Abgeschöpftes“, oder:
„lassen uns hängen Immunsysteme oftmals in Folge von Leichtsinn“),
werden die Unterminierungen aber immer wieder abgeschoben zugunsten des Textkörpers,
der dann eben doch ganz da ist, indem er sich als Knülle, als Folge von
Streifen oder Sprungfedern usw. zeigt. (In einem Gedicht, wo ich das Bild eines
mit Knülle gefüllten Schuhs, der zum Organ wird, mit dem Prozess des
Ablederns verknüpfe, wird darauf hingewiesen, dass beim Durchsägen
Knochen schmierig werden, beim Durchhacken sich dagegen Splitter vermehren,
und beides, Zersplitterung und schmierige Übergänge, findet dann statt
in dem Gedicht.)
R. P.
Und, vorerst einmal zum Abschluss: Was mich an Deinem neuen Band verblüfft
(vielleicht sehe ich es auch nur zum ersten Mal so an), ist seine Nähe
zu gewissen Praktiken, wie sie Jazz-Musiker der „Freien Improvisation“
ausüben, darunter Komponisten wie eben Braxton, aber auch Free-Musiker
wie Bill Dixon oder Evan Parker: „...der Ton gerät bereits ohne Tross“.
Manche Deiner Gedichte tendieren zur Schwarmbildung: So, wie manche der genannten
Musiker Skalen absolvieren, die das nicht zu vernachlässigende Einzelereignis
„Ton“ an den Rand des noch eben Wahrnehmbaren hin verschieben, ohne
dass darum dem Einzelton etwas Beliebiges anhaftete, oder ihm Gewalt angetan
würde… Anders gesagt: Aus der Entwicklung der kleinsten Differenz
(semantisch, aber auch lexemisch, syntaktisch, prosodisch) reagieren viele Deiner
Gedichte wie Störungspeiler, wie Brand- und Bewegungsmelder, die Irritationen
anzeigen, etwa wenn ein Floh durch die Savanne hüpft, die Haut sich an
eben jener Stelle zu röten beginnt, die garantiert kein Berufener oder
Unberufener gekratzt hat, der bewusste Floh aber auch über Bedeutungshöfe
springt, indem er so tut, als ob ihm das Pflaster nicht zu hart, der Hollunderstrauch
aber ein rechter Pflanz wäre…
C. S.
Deine Beobachtung verblüfft auch mich, höre ich doch so viel wie nie
Jazz und spüre dazu auch keinerlei Affinität, was aber nichts über
das eigene Tun aussagen muss. Bekanntlich gibt ein formales Korsett mehr Freiheit,
man bedenke etwa das Improvisieren in der Comedia dell’ arte. Nun ist
es aber so, dass ich mir hier nicht einfach ein formales Korsett vorab wählen,
sondern mir dieses und die Regeln für den Text erst mit diesem zugleich
erarbeiten will. Vielleicht liegt in dieser Tendenz ein Grund für deine
Beobachtung. An den Rand des eben noch Wahrnehmbaren, sagst du. Das hängt
wohl damit zusammen, dass im Gedicht dadurch, dass über ein Gestalten auf
möglichst allen Sprachebenen Mehrsinnigkeit angestrebt ist, jedes Detail
zur Irritation reifen kann. Erst das Umfeld mehrfacher Verzerrungen bewirkt
ja, dass ich in dem Satz „Schuhwerk übergeh ich ungern“ das
Augenmerk auf das Gehen des Übergehens lenke, um ein Beispiel für
diese dann nicht mehr wegzudenkende Aufgeladenheit zu nennen.
R. P.
Kurz: Erläuterst Du vielleicht noch etwas die beobachtete Paradoxie, dass
das Gedicht einen „Aufbruch“ markiert, der notwendig den Aufbrauch
des Einzelereignisses zur Folge hat? So wie man eine Stelle im Papier bis zur
Zerfaserung bereibt, ohne doch die erfolgte Einschreibung darüber jemals
zum Verschwinden bringen zu können?
C. S.
Es ist eine Einschreibung nicht nur über persönliche Bilder und Erinnerungen,
sondern auch über die einem durchaus eigene Art des Setzens von Gesten.
Lässt man Texte austreiben, führt dies unweigerlich zum Überschuss,
der dann wieder gebändigt werden muss, um das Textganze noch greifbar zu
halten. Das Be-Reiben ist übrigens nicht nur eines, das Schritt für
Schritt am Gedicht nachvollziehbar gemacht, sondern darüber hinaus durch
das überschreibende Bearbeiten in den Texten als nicht mehr sichtbar enthalten
ist. Trotz des Spiels an den Oberflächen des Assoziierens und Setzens ungewohnter
Brüche und der flirrenden Perspektivik (bis hin zur dialogischen Zerfurchung
des Textes) gilt mir, dass ein unerklärbarer Rest sich absetzen darf. „so
du dich noch kennst, wo es mich verlässt“, möchte ich hier,
die übliche Dialogführung aushebelnd, dem Leser zurufen. Ganz auf
geht eine derartige Stelle zum Glück nie, aber sie zeugt hoffentlich von
einer so manches erleichternden Komik.
Christian Steinbacher - Winkschaden, abgesetzt. Gedichte und Stimmen, Czernin
Verlag, Wien 2011
Teile des Gesprächs fanden Eingang in das zu dem Buch erschienene
Porträt in der Ausgabe der österreichische Tageszeitung „Der
Standard“ vom 7.4.2011
Hier auf lyrikkritik.de findet sich der ganze Wortlaut des Gesprächs.