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 Claudia Gabler - Das Gedicht


Hättest du gedacht, dass die Bienen eines Tages die Macht übernehmen würden
über die Welt?

Sie summen, das gleicht einer Verrücktheit.

Ihre Optik bestimmt unsere Art zu fliegen, manchmal auch unsere Art zu denken.

Sie gehen selbst bei übermäßigem Verzehr von Blumen nicht unter.
(Auf welche Weise sie allerdings feiern, bleibt unklar.)

Nach Festen wie diesen zieht es sie zurück in ihre Wohlfühlwohnungen.

Dort gründen sie kleine Gruppen aus Herzen,
diese ähneln jetzt sensiblen Parteien aus Nachfolgestaaten.

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In unseren tief verankerten Bildern von einem Bienenstock spiegelt sich auf sehr
menschliche Weise das Image wider, das wir uns von der Welt machen.

Und diese Illusion halten wir dann für die Realität.

Die Realität von Befruchtung, Demokratie etc.

Die Realität von Freiheit natürlich.

Die Freiheit, eine Seite deines Lebens so zu komponieren,
dass es dir gut erscheint.




Claudia Gabler

aktueller band: Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz, Gedichte. erschienen im Rimbaud Verlag, 2008


Die Diskussion zum Gedicht

10.05.2012, Meinolf Reul schreibt:
„Wenn das hermetische Gedicht abgestürzt ist, beginnt die Suche nach dem Flugschreiber“ (Igor Samoljenko). Abgestürzt im Sinne von gescheitert ist Gablers Gedicht sicherlich nicht, aber als hermetisch würde ich es bezeichnen. Irritierenderweise enthält es zahlreiche Realien, oder Wörter dafür: die Biene und ihr Lebensumfeld zum Beispiel, das teilweise natürlich (Blumen), teilweise vom Menschen bestimmt ist (der Bienenstock). Diese Realien liegen aber wie unter Glas, die verwendeten Ausdrücke („bei übermäßigem Verzehr“, „Wohlfühlwohnungen, „feiern“, „Macht übernehmen“), die ihnen doch, vielleicht, beikommen möchten, wirken grotesk deplaciert, bleiben ‚draußen′. Ist dies also ein Naturgedicht? Die Verse scheinen eine anthropomorphe Sicht der Natur zu kritisieren, die ein „Image“, ein Trugbild, ist. Vielleicht geht es in Gablers Gedicht darum, das verfälschte Bild hinter sich zu lassen, um entweder zum ursprünglichen vorzudringen (wenn das möglich ist), oder um endgültig zu akzeptieren, dass Bienenwelt und Menschenwelt einander ausschließen und jedes Wort darüber vergeblich ist. NB: „Image“ (der Anlaut erinnert an Imme, das alte Wort für Biene) wird sonst eigentlich auf Personen bezogen und nicht auf Dinge, die jemand in der Welt wahrnimmt. Die „Welt“ kommt zweimal vor. Doch geht es hier eher um den Mikrokosmos; auch um die Kleinheit und Kleingeistigkeit derer, die sich für die Krone der Schöpfung halten – lächerlicher Kontrast von vermeintlicher Erhabenheit und tatsächlicher Beschränkung. (In diesem Zusammenhang zwei Assoziationen: Matthias Claudius’ Abendlied und Steffen Popps Buchtitel Kolonie Zur Sonne.) Lyrische Stilfiguren weist das Gedicht kaum auf. Binnenreim („gedacht... Macht“), Anapher („Die Realität“/„Die Realität“) und Parallelismus („unsere Art zu fliegen ... unsere Art zu denken“) könnten sich so auch in mündlicher Rede finden, ebenso rhythmische Echos („Wohlfühlwohnungen“/„Nachfolgestaaten“) und alliterierende Fügungen („würden /... Welt“, „zieht ...zurück“, „Bildern... Bienenstock“). Ein gut getarntes Gedicht, ein Rätseltext.
21.02.2012, Richard Duraj schreibt:
i. colony collapse disorder
vor einiger zeit war flächendeckend das große bienenvolksterben thema in den medien, man kam nicht umhin, davon zu hören, ohne genaueres zu wissen, sich sorgen zu machen ob eines endes der welt, würden blüten nicht mehr bestäubt. nun, wir sind noch da. daran ließ mich die erste strophe denken, als antwort auf die an mich gerichtete frage; übernahmen die bienen die macht, weil wir uns diese von ihnen abhängig denken? nein, ich hätte nicht gedacht, dass sie das tun würden. hier ist das aber, bei aller überraschung, der fall.

ii. nach dem ende
dies wird nicht das erste kunstwerk sein, das an hitchcocks ‚die vögel′ erinnert, oder an mittelmäßige angstmacherfilme, bei denen aufnahmen von wirren insekten solche von wild herumfuchtelnden und wegrennenden menschen überlagern, bei passender geräuschkulisse und panik in den augen, denn die natur schlägt zurück, irgendeine neue oder bekannte hybris stürzt uns ins verderben, die funknetze, chemikalien im grundwasser und so weiter. in der kakophonie, dem einer verrückheit gleichenden summen finden wir unsere anpassung, denn ihre optik determiniert nun uns, ihr flugverhalten, demgemäß auch ihr denken, das verständnis von der eigenen art.

iii. im zeitalter einer reproduzierbarkeit
ich komme nicht umhin, hinter dieser machtübernahme einen evolutionären schritt zu sehen, eine veränderung in den bienen, die diese übernahme ermöglichte. diese lässt sie menschlicher werden, so wir ihnen ähnlicher und ähnlicher werden. sie feiern, irgendwie. die funktionale erholung, aus der eine moderne gesellschaft erwächst, wird möglich, ersetzt die schlichte, dauernde arbeit früherer generationen. alles wird heimeliger, intimer, die gesellschaft verändert sich dementsprechend oder: alles wird entsprechend heimeliger, intimer, da sich die gesellschaft verändert hat. am ende des ersten abschnitts wird′s biedermeierlich

iv.
so kommen wir letztendlich bei uns an, bei unserem selbstverständnis, das ich in teil zwei nach den drei trenn- also bindestrichen wiederfinde. wo für reul die verse eine antropomorphe sicht der natur kritisieren, sehe ich sie spielerisch thematisiert, aber nicht kritisiert, ist sie doch teil einer jeden betrachtung, sichtweise, graduell immer vorhanden, messen wir die welt doch an uns selbst, an unserer art zu denken. anthropomorphismen passieren notgedrungen, sie gehören zum wesen unserer kommunikation über die welt, sind wir uns doch immer der bezugspunkt, nicht einfach wegzudenken. mir scheint dieser zweite teil, sehr verkürzend gesprochen, eine paraphrase von platons höhlengleichnis zu sein, konsequent am vorbereitenden material. der fokus aber sind demokratie und freiheit, bestimmte konzepte, sichtweisen, die wird letzten endes durch ihre behauptung schon für realisiert, verwirklicht, für die wirklichkeit halten, für ein leben mit dem anstrich eines moralisch richtigen. die komposition weist ihre verwirklichung als künstlich aus.

v.
ich weiß nicht, was reul hat. vielleicht aber verstehe ich auch das attribut ‚hermetisch′ falsch. hier ist mir keine gablersche chiffre vonnöten, das gedicht zu knacken, sollte ich das wollen. was ich nicht tue. für eine erste annäherung bietet das gedicht viel. was mich dabei im übrigen sehr ärgert, ist, wie sehr „hermetisches gedicht“ dabei zu einer abqualifikation verwendet wird, vor allem, wenn man schon von und mit absturz und scheitern anfängt, was sich so leicht dann nicht einfach wegdenken lässt.