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 Dana Ranga - Das Gedicht


Laut ausrufen, Alarm, gemeint ist ein Ausbruch, in alle Richtungen; jedes Wort ein Photon.
Zur Beruhigung, das Bild des Sterbens, ein Altar

auf den Schultern. Sag auf, Gebet und Versprechen, Reim und Beteuerung. Das Aufbrausen
der Wellen genügt, Botenstoff, Augenblau. Es wird bald besser.

squatina squatina
(kein Tunichtgut)




Dana Ranga

aktueller band: wasserbuch, gedichte. erschienen bei suhrkamp


Die Diskussion zum Gedicht

05.03.2012, Asmus Trautsch schreibt:

Dana Rangas Wasserbuch versammelt Gedichte, die jeweils als Titel bzw. Subscriptum einen lateinischen Fischnamen anführen, der in einem Glossar am Ende des Bands übersetzt wird. Dabei wird auf mehreren Ebenen mit dem Klang des Namens und der Verhaltensweise der Meerestiere gespielt, die die Autorin u.a. im Berliner Aquarium studierte.

Die Wiederholung der durch die scharfe Verbindung von s und q herausschießenden Diphtonge u-a in „squatina squatina“ erscheint mir gleich zu Anfang gespiegelt in „Laut ausrufen, Alarm“ und dann in „Ausbruch“, später kommt die Bewegung wie der rasche Flossenschlag des rochenartigen Tiers wieder: „Sag auf“, „Aufbrausen“ und „Augenblau“, als wäre die tatsächlich explosive Bewegung des im Sand lauernden Jägers klingend gemacht als direkte Verbindung zwischen zwei Vokalen, ihr auf ab: ua - au. Das Gedicht nimmt von Anfang an in die Sprache (das erste Wort ist das doppeldeutige „Laut“), was der stumme Fisch als Bewegung vorführt. Und genau in dieser lautlichen Bewegung kommt auch die körperliche zur Erscheinung. Der stumme Engelshai, der den ironischen Altar auf dem Rücken trägt, den, vermute ich, Beutetiere blind passieren, bevor sie zum Opfer werden, schlägt somit lautlich und bildlich plötzlich aus dem Schein der Ruhe zu. So erscheint mir der Versabschnitt „Gebet und Versprechen, Reim und Beteuerung“ - das ist die friedliche Tarnung, als passte wie eine gemütliche Assonanz die wie ein Sandcocktail wirkenden Schuppenhaut zur sandig harmlosen Umgebung und verhieße Stille, Entsprechung, Einkehr. In dem (in Ufernähe) aufblitzenden Licht der unzähligen Sandkörner, die das Tier mit einem Mal aufwirbelt, zeigt sich sein Wesen: die Wortfolge im 1. Vers „jedes Wort ein Photon“ verdichtet diese phonetisch-motorische Verschränkung, als hätte jedes Wort (jeder Laut?) seine eigene Strahlkraft, die mit einem Mal hervorbricht wie das Licht in den Sandkörnern und Schuppen beim Ausbruch. Die letzten vier Worte geben mir am meisten Rätsel auf. Warum 'besser'? Ist das erneut die Ironie seines Namens, des Hais, der nicht nicht gut tut? Oder geht es darum, dass sich bald wieder alles legt und die trügerische Stille am Meeresgrund wiederkehrt? das könnte darauf deuten, dass auch das gedicht wieder in an die anderen Gedichte im Band anschließt. Denn sie schweben in ihrer syntaktischen Ordnung von Worten ausbalanciert wie die Flossentiere im Wasser. Ohne Richtungen der Gesamtform (wie daramatische Zuspitzungen, syllogistsische Folgen, das Angelegtsein auf Concetti). Ich lese sie als Aquariengedichte in einem Buch, das ins Wasser spricht, das das stumme Leben im Wasser sprechend zu machen versucht.


04.03.2012, Hendrik Jackson schreibt:

Die im untenstehenden, ersten Kommentar beschriebenen „Anrufungen“ des heiligen Lyrikbären stehen für mich zunächst nicht so sehr im Vordergrund des Gedichts, obwohl ein geschulterter Altar schon wuchtig daherkommt.
Sehr auffällig ist doch der Abschluss des Gedichts. Es endet mit der lateinischen Bezeichnung für den „angel shark“, ein „himmlischer“ Fisch, der in 1300 Metern Tiefe, ohne Afterflossen und Dornen (höchstens klein über den Augen), lebt.

Ist dies womöglich ein „Dinggedicht“, also ein Gedicht über diesen Lauerjäger, der rumliegt, bis er hervorschießt und fremde Fische frisst, also wahrlich kein Tunichtgut, wie es ironisch in der Klammer steht? (Hier stellt sich natürlich die Frage, ob es sich um eine Übersetzung handelt?) Interessant ist weiterhin die auffällige Verwendung zweier wissenschaftlicher Begriffe: In der ersten Strophe „Photon“ aus der Physik, in der zweiten Botenstoff aus der Chemie. Dazu noch „Theologie“ (Gebete, Altar) und „Dichtung“ (Worte, Reim) etc, nein, keine Meereskunde liegt hier vor.

Dennoch - und da für mich der Literaturhinweis (aktueller Band: Wasserbuch) bereits zum Gedicht gehört (anbei: ein Grund, warum ich eine verhaltene Abneigung gegen Anthologien haben, die Gedichte aus ihrer Verklammerung mit dem Autor reißen) - scheinbar geht es ums Wasser. Das würde zumindest das squatina squatina nicht als paukentrompetende Wendung des Gedichts erscheinen lassen, sondern aufscheinen lassen in einem Kontext von möglichen AquArien, Gesängen an fliessende Ströme und brausende Wellen. Elektromagnetische Wellen, Botenstoffe, Alarm, Tod, Altar, Gebet, Reim, nicht schlecht, was hier alles verhandelt wird. Höhen und Tiefen, Elemente und Elementares. Da liegt ein Engel auf der Lauer, inbrünstig und stößt nur ab und zu einen Seufzer hervor. Du darfst spekulieren, er hat das zum Fressen gern.

21.02.2012, Meinolf Reul schreibt:
Das Gedicht ‚sagt’ mir auf den ersten Blick wenig, aber vielleicht ‚zeigt’ es mir etwas?
Was ich sehe: Groß-/Kleinschreibung, acht Verse, deutliche Phrasierung (neun Kommata, ein Semikolon, fünf Punkte, eine Klammer, das sind zusammen 16 Satzzeichen, die auf 48 Wörter kommen; 48:16 = 3).
Die Gesamtsilbenzahl beträgt 84, Quersumme 12.
Wenn Dana Ranga es auf Zahlenalchemie abgesehen haben sollte, dann sind hier mit der 3 und der 12 auf jeden Fall schon einmal zwei ‚heilige’ Zahlen versteckt.
Ein lyrisches Ich, wenn vorhanden, hält sich zurück hinter Infinitiv („Laut ausrufen“), Imperativ („Sag auf“) und, vielleicht, Sich-gut-zureden: „Es wird bald besser.“
Worte werden als Lichtteilchen (-bringer?) apostrophiert („jedes Wort ein Photon“), die „Wellen“ im sechsten Vers –: Lichtwellen? „Aufbrausen“ heißt stärker werden, je nach Lesart auch: lauter werden. „Laut ausrufen“ kann (ebenfalls) auf die Lautstärke einer sprachlichen Äußerung verweisen, ebenso aber kann man auch an den Sprachlaut denken (vgl. Jandls „die welt ist laut / laut ist schön“).
„Es wird bald besser“, das heißt, vorher war es nicht so gut, deswegen das Alarm geben, deswegen die Notwendigkeit des „Ausbruch[s]“.
Ich verstehe das Gedicht so, dass Dana Ranga darin die magische, heilende, heilige Macht der Sprache beschwört („Gebet“, „Versprechen“, „Reim“, „Beteuerung“…), vielleicht auch mit dem biblischen Zitat im Hinterkopf: „… aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“
Doch so weit muss der Leser des Gedichts gar nicht gehen. Die Sprachäußerung an und für sich, wäre sie auch ‚sinnlos’, semantisch leer – das pure „Laut geben“: es hilft, tut gut, macht/hält gesund… - wie auch umgekehrt gilt: “Wenn man wenig sagen kann den ganzen Tag über, sieht man am Abend krank aus.” (Uwe Johnson, Skizze eines Verunglückten)