Ulrich Koch - Das Gedicht
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Ist das hier eigentlich eine Höhere Töchterschule,
eine Besserungsanstalt, ein Knast? Häutet Ihr eure Kaninchen
heimlich hinterm Schuppen, wo die Regentonnen
unter der Traufe stehen wie besoffene Bauchtänzerinnen,
oder wo lasst ihr euren Hass? Ist das hier eine Weide,
eine blutleere Wolke, ein seit dreißig Jahren ertrinkendes Kind?
Ich wünschte, das hier wäre ein Schiff mit aufgestellten
Schwanzfedern. Und ein Grammophon würde angespült.
Ich wünschte, das hier wäre eine Amsel und die Amsel
ein Türglöckchen, das läutet beim Betreten der Welt beim
Verlassen des Gedichts. Ich wünschte, jeder wäre
sein eigener Taxidermist. Ich wünschte, das hier wäre
ein Pferd, und Bohrmehl rieselt aus ihm heraus.
Ist das hier etwa eine Sozialversicherungsschätzung,
ein Dosenwerfen im Nachthimmel oder der Keller
eines Diktators, die schöne Schmetterlingssammlung
aus Fingernägeln? Ich wünschte, das hier wäre das
Locked-In-Syndrom der Feldsteine (ihr Blinzeln bei Regen...),
wenigstens das ADS einer Mücke, zumindest ein Nebenzimmer,
in dem ein Mann und eine Frau eingeschlafen sind
und euch für immer beobachten werden, und eure Hände falten
das Laken zusammen. Ich wünschte, das hier wäre eure
Hand: ein schwarzes Quadrat, das vorbeirollt an euren
und meinen Füßen. Aber ihr Bäumchen nickt einfach nur
den Wind ab. Nachts setzen sich die Masken eure
Gesichter auf und erschrecken die Toten. Die Gesichter
eurer Kinder sind Vanitas-Motive. Unter den Apfelbäumen
riecht es wie in einer Ausnüchterungszelle.
Ulrich Koch
Aktueller Band: Uhren zogen mich auf, erschienen im
poetenladen verlag, Leipzig 2012. Das vorstehene Gedicht ist diesem Band entnommen.
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