| Wiktor Iwanivs "The automnic stories" |
| Was R.M. Rilke über Trakls Gedichte gesagt hat, ließe sich leicht auch anwenden auf die Texte Iwanivs, dass nämlich selbst "der Nahestehende noch, wie an Scheiben gepresst, diese Aussichten und Einblicke erfährt."
Das Unzugängliche der Texte Iwanivs liegt dabei in ihrer Uneinheitlichkeit, ihrer Inkohärenz, die ihrerseits gegründet ist in Iwanivs beständigem Changieren zwischen genauer, fast schon pedantischer Deskription und einer geradezu beispiellosen sprachlich-semantischen Anarchie, in der Iwaniv der eigenen Wortgewalt nicht mehr Herr zu werden scheint. So finden sich z.B. in "Rinnsal der Sanduhr" einerseits direkt und genau beobachtete Bilder aus dem (Berliner) Großstadtleben: Fahrradfahrer sind dort "unentwegt unterwegs", "mit offenen Augen in ihre eigenen Gedanken vertieft, Mädchen eilen vorüber, folgen flink dem Weg." "Ein Vietnamese, der jeden Tag auf seinem ausgesessen Stuhl bei dem Cafehäuschen zu finden ist, spricht mit sich selbst". In der Eingangserzählung "Oktober. Diskus" findet sich Alltägliches in leichter poetischer Überhöhung: "An so einem Tag begegneten ihm Menschen mit himmelwärts gekippten Salinen-Köpfen, Gesichtern, die sich der Sonne entgegen reckten, an ausgewaschene Torsi von Pergamon-Statuen erinnernd". Mitunter werden die Beobachtungen unaufdringlich kommentiert: "Die Alten gehen in Paaren durch den Park, ein Frau im Cape hängt wie eine Neuanschaffung in den Armen ihres Mannes"; "Ein Mann im Regenmantel führt seinen gleichfalls nassen und deprimierten Hund herum." In "Istmirheiß und Bierchennoch" grenzt die Situation bereits ans Groteske, ist aber durchaus noch und mühelos vorstellbar: "Ich und Puruscha brachten Istmirheiß den Tabak "Goldenes Vließ" - den besten, den wir hatten) - als Geschenk. Indes begrüßte und Kühlings Eltern. Der Kater Phagozytose, der damals noch nicht hinabgestürzt war, hatte ein Packung Karo gefressen, wendete seine Nase. Wir gingen." Diese Passagen überfordern die Phantasie des Lesers nicht, beeindrucken aber durch die Genauigkeit ihrer Beobachtungen und die Treffsicherheit ihrer Sprache. Andererseits jedoch geraten Iwanivs Beobachtungen vertrauter Mitwelt immer wieder unversehens und sprunghaft in den Bereich des Nicht- oder Kaum-mehr-Mitteilbaren, in eine persönliche Symbolik, die den Leser zwar nicht mutwillig aussperrt und sicher auch nicht aussperren will, ihn aber auch kaum auf ihre Höhen mitzunehmen vermag. So findet sich in "Baumpilz rettet nicht" der folgende Absatz: "Ich sah den Bezwinger Ariadnes, Herrn über Griechen und Gries, Weise und Weizen. Er lief die ganze Stadt ab, verbrannte nur das letzte Exemplar seiner auszutragenden Zeitungen. Er kannte den gesamten göttlichen Stammbaum, aber er mordete Radomes nicht und nicht das All an Allerseelen. Vier Glasen, vier Wachschichten verliefen, noch vor dem Morgen erschien er, eilte herbei, mit Weile, benetzt vom Tau, bestirnt mit dem Kirschlorbeer des Zornes und dem dickichten Fell des Pans und der Bacchanten. Er erzählte mir von dem Turiner Pianisten, der üblen Mist gegen seinen Vater zusammentrug, sich immerzu selbst im Weg stand." Auch wenn sich an solchen Stellen möglicherweise lebensgeschichtliche Bezüge herstellen lassen für Menschen, die Iwaniv kannten - dieses Erleben, dieses Beschreiben eines Erlebten ist letzten Endes hochgradig subjektiv, dissoziativ, kaleidoskopisch. Der Grund hierfür - dies sei als These gewagt - liegt vielleicht weniger in einer besonderen Poetik Iwanivs als vielmehr in dem Erleben selbst, in einer mit einer gewaltigen Sprachfähigkeit gekoppelten unzureichenden Fähigkeit Iwanivs, der Dinge Herr zu werden: er kapituliert vor den Phänomenen, seine implodierende, delirierende Semantik aber erzeugt jene poetischen Muster, die wir staunend bewundern: "Denn alles, was sich hier vollendet, und worüber man geradewegs und zur Seite singt, ist Ka bekannt, den ich vorletzte Nacht sah. Baumpilz heilt keinen Krebs, die Gefällte stürzt tödlich über den Ausläufer der Wendeltreppe, festgenommen wird aber eine göttliche Ikone." (Baumpilz rettet nicht) "Die Schachspielerin kam - unbezwingbar, solange du nicht die Karten austeilst, auf denen man die buntscheckige Kuh Afrika sah, von der die trockenen Fliegen träumen auf dem Fensterbrett in der Zeit des Aufmarsches rotgrüner Banner und Truppen." (Deutsche Lenka) Welches Erleben, welches Erlebte steht hinter diesen Worten? Man weiß es nicht. Und schließlich lässt die Sprache - drängend und gedrängt - auch die Grenzen der Syntax, der Semantik, der Morphologie hinter, unter sich, neologisiert, syntaktet in eigenem Takt, schafft ihre eigene Form: "Dies Treffen erzwang ein wadenhaariges Trappeln des Herzgefieders und ein tonloses Lachen der Tinktur." (Baumpilz rettet nicht) "Die Stunden schlugen und klopften, und fraßen gekoblenzt die Kolben und Schläfen, und alle Winde der Vektoren warfen das Fleisch ab, das zeitig selbst Gestalt gewinnt" (Baumpilz rettet nicht) "Sie erklärte mir, wie unter der Sonne des Satans zu singen sei von neuen Begegnungen gleichschenkeliger Vierecke, die den Teufelskreis der Gegenstände zerschlagen hatten. Meeresatmen der deltagefalteten Hand entzweigeschnitten die Hemisphäre Aufblitzen memory remenbered." (Deutsche Lenka) Doch Iwaniv bleibt nicht beim individuell Erlebten stehen. Ihm, dem Dichter im Archiv, gerät ebenso wie die Begegnung mit der Außenwelt auch die Geschichte zum Ort der Bedrohung, die russische wie die deutsche und eben und gerade auch die russisch-deutsche: "Er ging, schräg und eckig, vorbei an dem Portal der Kirche und den blauen Tannen, im Narymer Park, wo Monumente für die Opfer von Atomkatastrophen und Repression stehen." (Der schwarze Doktor) "Als ich in den tiefen Keller des Archivs kam, konnte ich nicht nur die Beschreibungen, wie Schriftsteller und Wissenschaftler gelebt hatte, wie sie aßen und worüber sie sprachen, lesen - das alles steht ja auch in den Magazinen. Nein, in den Dokumenten, aus den Tiefen der Erde gezogen, fanden sich ausnahmslos Denunziationen, ihre Echos - Erschießungen." (Der schwarze Doktor) "Aber noch eine ganze Woche gehe ich die Treppen dieser Stadt hinab und neben dem Gebäude des Wasserturms vorbei an der zu Ehren der Opfer des Faschismus angebrachten, zerschossenen Tafel." (Rinnsal der Sanduhr) Die verhängnisvolle Logik dieser Texte ist, dass die wachsende Sprachfähigkeit des lyrischen Ichs (d.h. des Verfassers, wie die Archivstelle zeigt) das Leiden nur noch erhöht, eben in dem Maße, wie sie wächst. Sprache taugt eben hier (und vielleicht überhaupt) kaum zur Welterklärung, gar nicht aber zu ihrer Bewältigung: die Welt, historisch wie gegenwärtig, bleibt unverständlich, verschließt sich, lässt die Sprache über sich hinausschießen, im leeren Raum verstrahlen: ein Wetterleuchten ferner Unwetter, die niemandem schaden und kaum jemand berühren. Vielleicht erklärt das den mitunter prophetisch-beschwörend Ton dieser Texte, ihr Von-Ferne, ihr Von-einem-unbestimmten-Oben-Kommen, das sich dem normalen Verständnis entzieht; vielleicht erzeugt eben die Überforderung an der Wirklichkeit diese so wahrhaftige wie wahnwitzige Sicht der Dinge, einen Hyperrealismus, der gerade als solcher mehr sieht. Über sich jedenfalls scheint Iwaniv in diesem Sinne sein Wort gesagt zu haben - mit eben jener Klarheit, die man dem Wahn-Sinnigen, dem Wahr-Wähnenden ja seit jeher nachsagt: Jetzt aber "sammelt er, voll des Wissens, aus der fünften Etage fallen gelassen, Bröckchen und Stöckchen. Als ginge er einem Toten mit einem verlorenen Koffer entgegen, quert er die Chaussee, wo man auf die Züge wartet, der Flüge harrt." (Baumpilz rettet nicht). Das Dissoziative der Texte weist auf ihren Verfasser zurück: Ivanivs Welt ist kaum beschreibbar, lebbar ist sie nicht. "Die lebendigen Gestalten meiner Freunde schritten mit mir im Reigen der Laternen-Seerosen durch die Finsternis der Wohnung, über Treppen und Plätze und führten ihren couragierten Zug in neue Zimmer, wo man neue Lampen anzünden und neue Teller zerschmeißen wird, neue Stimmen ertönen und ältere Falten sich auflösen werden". (Rinnsal der Sanduhr) Christian Wollek Wiktor Iwaniv - automnic stories, hochroth 2015, übersetzt von Hendrik Jackson |