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Mir wurde die Aufgabe angetragen, einige russische Gegenwartslyriker
zu versammeln und zu übersetzen. Dabei stieß ich auf den fast gänzlich
unbekannten jungen Autor Wiktor Iwaniv aus Nowosibirsk, dessen Gedicht
„kamera“ meine Aufmerksamkeit erregte. Das Gedicht weist keine
Interpunktion auf und zeichnet sich dadurch aus, daß viele Wörter jeweils
vor wie auch rückbezogen werden können, innerhalb einer Zeile oder im
fortlaufenden Zusammenhang mit der jeweils nächsten Zeile zu lesen sind.
Eine mehrfache Lesart findet sich auch inhaltlich wieder. Das beginnt
schon bei der Überschrift: kamera. (das ganze
Gedicht findet man hier)
Das Wort hat drei Bedeutungen: 1. Kamera (Film, Foto, Video) 2. Zelle,
Kammer 3. Blase (vom Fußball). Im ersten Fall ist die russische „kamera“
also eine Art Behälter, oder wie man eben auch für die deutsche Kamera
sagt: ein Gehäuse - für Bilder; im zweiten Fall eine Behausung, aber ebenso
gehäuseartig relativ klein und kompakt und im dritten, seltenen Fall eine
selbst umschlossene Ummäntelung für die Luft, die den Ball trägt, weicher
als die ersten beiden „Kapseln“, aber um nichts weniger „luftdicht“,
abgeschlossen, und in einem gewissen Sinne gleichförmigen geometrischen
Grundformen entsprechend (Quader, Würfel, Kugel etc.)
Die dritte Bedeutung schien etwas abwegig, ich hielt mich zunächst an
die ersten beiden.
Ich übersetzte:
Kamera
Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls
zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis an den Rahmen
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei der kamera hören sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde
eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers
Vielleicht eine Filmszene? Ein Film im Wald? Was macht der Kanarienvogel
hier? Vielleicht handelt es sich doch um eine Zelle, eine kleine Kammer?
Rätselhaft. Jetzt war ich zum ersten Mal irritiert. Eine Platte im Wald?
Sicherlich keine Photoplatte. Und dann ein Ball? Eine russische Freundin
wies mich auf das Kinderbuch „Unterirdische Kinder“ hin, in
dem es um unter der Erde, in Erdhöhlen lebende Kinder ging. Sie sagte
auf ihre russische trockene Art: „Klar, sie spielen dort unter dem
Wald mit einem Ball, kein Problem.“ Platte, Schallplatte, Photoplatte,
Zelle, Kamera... worum handelt es sich?
Das Ende gab auch keinen Aufschluß. Interesse halber schrieb ich dem Autor.
Er erklärte kurzerhand, daß die Kinder unter der Erde hier nichts zu suchen
hätten und alles würde auf dem Doppelsinn von kamera und „Blase“
(des Fußballs) beruhen, kurzum ein aufgenommenes Fußballspiel. Nun ist
es mehr als heikel, den Erklärungen eines Autors beim Übersetzen zu folgen,
zumal bei einem so vieldeutigen Gedicht. Dennoch will ich gerade dies
anführen, um zu zeigen, daß man die Anmerkungen des Autors nicht ganz
negieren soll, zumal, wenn das Gedicht dann eine gewisse Schlüssigkleit
gewinnt. Ich übersetzte neu und als erstes die Überschrift, um diese Doppeldeutigkeit
zwischen Fußball und Kamera herauszustellen. „Gehäuse“ fiel
mir als erste Verbindung zwischen Fußball und Photo ein, allerdings schien
mir das nicht geläufig genug, eher schon die Redewendung „etwas
im Kasten haben“ und „Kasten“ für Fußballtor.
im kasten
Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls
Nun wurde alles klar, oder? Es folgen die aus der Kamera-Ferne (Vogelperspektive?)
bunten (wie Federn) Trikots der „Truppen“:
zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis
Jetzt endlich das Wort: Gehäuse für die „Rahmen“, den Bildausschnitt
und das Tor zugleich. Gehäuse - Kern – Zelle. Zelle: Da war sie
die russische „kamera“ in ihrer zweiten Bedeutung. Überwachtes
Wohnen, Gefängnis. Gitter – Netz – Im Kasten, im Netz, und
also wieder: Fußball, aber auch: Kern, Frucht, Netz mit Früchten, Hülse,
Worthülse, die verschiedene Bedeutungskerne beinhaltet, aber sich aufbläht
zur Blase: Bildblase, kein sachliches Kamerabild, nicht nur ein Fußballreport
in jedem Fall. Weiter:
an das gehäuse
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei
und hier konnte es jetzt nicht mehr Kamera oder Zelle heißen, hier war
die dritte Bedeutung von „kamera“ gefragt: Pocke, Pille, nein,
denn dann fiele das fliegende Auge der Kamera weg, wie das vereinen? Mir
fiel eins ein: Ich quetschte das Augen direkt in den Sucher der Kamera
– und fand – die puPille, allerdings: ein im Flug herausgepresster
Schrei der puPille, hmm, ich weiß nicht... dann lieber Blase als Fußballblase,
Bildblase, zumal eine gepresste schreiende Blase, das hat etwas Comicartiges
und läßt sich vorstellen.
der blase hören
sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde
Fußball kann grausam sein, zumal aus der Höhe. Aber wird hier wirklich
das Stadion zur geschichtlichen Kammer, aus dem es kein Entrinnen gibt?
Kriegssprache und das Ticken wie von Uhren oder Bällen deutet die Vergangenheit
oder Zeitlichkeit an, eine Vergangenheit, die (für den jungen Autor) medial
(durch Bilder) verdoppelt wird, was direkt an den Bilderkult der alten
Zeit anschließen mag... und dennoch bleiben einige Fragen offen, doch
staunen wir nicht länger, sondern folgen dem Autor zum Ende und schauen
den Wendungen des Gedichts nach wie jene Pioniere...
eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers
Hendrik Jackson
Dieser kleine Text entstand 2003 anlässlich der Herausgabe einer
Sammlung von russischen zeitgenössischen Gedichten. Damals lernte
ich den noch völlig unbekannten sibirischen Dichter Iwaniv kennen.
Am 25. 2 2015 nahm sich der Dichter, inzwischen russlandweit bekannt und
geschätzt, das Leben. Deswegen sei hier das Dokument einer ersten
Annäherung und beginnenden Freundschaft sowie eines literarischen
Austausches (Iwaniv hat mich ins Russische übersetzt und wurde von
der Stiftung Brandenburger Tor nach Berlin eingeladen) publiziert. Die
ganze Übersetzung findet man auf parlandopark,
den russischen Text auf vavilon.ru
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