| Sinn, Unsinn, Gegensinn, Antisinn Auslegung eines Gedichtes von Christian Steinbacher |
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Dein Eckzahn hat´s kapiert, er fehlt, Na sicher ließe sich was tun, Hochexplosiv, da darf ich lachen, so gar gut stand Ein Gedicht von Christian Steinbacher befindet sich immer auf dem Sprung.
Es lässt sich nicht gern festmachen, es strebt die ununterbrochene
Bewegung an. Gewiss unternimmt es nie eine Anstrengung, Szenen aus dem
Alltag nachzustellen, es pfeift auf metaphysischen Zauber, es stellt uns
auch kein lyrisches Ich vor, dessen Herzensergießungen in der Schale
der literarischen Form aufgefangen werden. Einen herkömmlichen Sinn,
wie hintergründig er auch immer daherkommen mag, suchen wir vergeblich.
Diese Lyrik agiert wie ein Aufräumkommando, das dazu berufen ist,
konventionelle Aussagen zu beseitigen. Man kann sich darin vertiefen,
findet immer neue Varianten, mit ihm umzugehen, verstanden hat man es
dennoch nicht. Denn gerade mit dem so tief in uns sitzenden Begehren,
endlich herauszubekommen, worum es geht in dem Gedicht, wie man mit anderen
Worten über die Sache, die gerade verhandelt wird, reden soll, rechnet
Steinbacher ab. Auf einen grünen Zweig wird man nicht kommen, wenn
man sucht nach der schönen weiten Welt, von der man hofft, dass sie
Eingang gefunden hat ins Gedicht. Ein Gedicht, lässt uns Steinbacher
wissen, ist gemacht, und zwar aus Sprache. Der Text ist die Wirklichkeit,
die Außenwelt befindet sich anderswo, in einem Gedicht von Steinbacher
jedenfalls nicht. Es lebt von Verschränkungen und Verzahnungen, von
Rhythmus und Melodie und Klang, es handelt sich um Nachrichten aus dem
sprachmagischen Zeitalter, die auf Botschaften verzichten. Schönheit,
geht in Ordnung, Witz und Ironie, akzeptiert, Irritationen, höchst
erwünscht, Einzigartigkeit, selbstverständlich. Entdeckt man
tatsächlich einen Sinn, mit dem man leben kann, kommt von anderer
Stelle der Angriff des Unsinns, Gegensinns oder Antisinns. Sie alle kommen
recht gut miteinander aus in einem Gedicht, das macht sie stark. Natürlich
verweisen Gedichte auf etwas außerhalb ihrer selbst, bestehen sie
doch aus Wörtern, die nichts anderes anstreben als etwas zu benennen,
was nicht sie selbst sind. Das aber ist noch lange nicht alles, kann jederzeit
revidiert, der Gedankenstrom neu austariert werden. Zugegeben: Bequem
ist das nicht, aber wer richtet sich schon gemütlich ein in einem
Gedicht, das auf den Traditionen der Moderne ruht? Das Stolpern ist die eigentliche Fortbewegungsart eines Steinbacher-Gedichts.
Kaum hat man sich orientiert, glaubt, sich einigermaßen zurechtzufinden,
beginnt auch schon das große Purzeln. Eine Spur, die ausgelegt wird,
ist verwischt, unvermittelt befindet man sich ganz woanders. Halt gibt
es keinen, Sicherheitsnetze fehlen prinzipiell. Das lässt sich gut
nachvollziehen an obigem Gedicht: „Dein Eckzahn hat´s kapiert,
er fehlt“. Also gut, mit der Orientierung ist das so eine Sache.
Ein Eckzahn fehlt, dieses Szenario können wir uns vorstellen. Das
bietet Stoff für ein privates Drama, bei Steinbacher nicht. Es findet
eine Drehung ins Ironische statt, der Eckzahn erweist sich nämlich
als Wesen mit Verstand, dass er verschwunden ist, hat er offenbar vorsätzlich
angestellt. Hat das mit den Bakterien zu tun, mit denen sich jetzt die
Zunge plagen darf? Eckzahn, Bakterien, Zunge, sie sind gut für ein
Abenteuer in der Mundhöhle. Zwei Zeilen lang jedenfalls, denn mit
dem „nein“ in der dritten Zeile fliegen wir aus dem Bild des
körperlichen Leids. Das „du“, das gerade als Verlustträger
des Zahns angesprochen wurde, erfährt jetzt, dass es in diesem Jahr
„nirgends hin“ geht. Auch gut, nur was das mit dem Ereignis
von vorhin zu tun hat, bleibt offen. Muss es auch, weil es Steinbacher
ja nicht um das empathische Durchleiden eines traurigen Erlebnisses geht.
Die Sprache aber hält das locker aus, ihr tut nichts weh, sie ist
zu allen Bocksprüngen bereit, wenn man sie nur lässt –
auf die Gefahr hin, dass man ganz wo anders ankommt, als zu Beginn gedacht.
Der Überraschungseffekt zählt mehr als die Logik des puren Lebens. Anton Thuswaldner Dieser Essay erschien zuerst in: |