Sinn, Unsinn, Gegensinn, Antisinn
Auslegung eines Gedichtes von Christian Steinbacher

Dein Eckzahn hat´s kapiert, er fehlt,
lässt die Bakterien auf der Zung,
nein, heuer fährst du nirgends hin,
siehst doch dich sogar hier als Quell.

Na sicher ließe sich was tun,
´s Gerümpel ruft nicht aussichtslos,
und nur dass Zeit dich rupfte da,
singt man dies Liedchen kaum für uns.

Hochexplosiv, da darf ich lachen,
nimmst eher ab da keinem Mund,
was nicht herunterfällt vom Blatt,
wenn du ihn rüttelst, den Strauch, der doch

so gar gut stand
(aus: Winkschaden, abgesetzt, S. 72)

Ein Gedicht von Christian Steinbacher befindet sich immer auf dem Sprung. Es lässt sich nicht gern festmachen, es strebt die ununterbrochene Bewegung an. Gewiss unternimmt es nie eine Anstrengung, Szenen aus dem Alltag nachzustellen, es pfeift auf metaphysischen Zauber, es stellt uns auch kein lyrisches Ich vor, dessen Herzensergießungen in der Schale der literarischen Form aufgefangen werden. Einen herkömmlichen Sinn, wie hintergründig er auch immer daherkommen mag, suchen wir vergeblich. Diese Lyrik agiert wie ein Aufräumkommando, das dazu berufen ist, konventionelle Aussagen zu beseitigen. Man kann sich darin vertiefen, findet immer neue Varianten, mit ihm umzugehen, verstanden hat man es dennoch nicht. Denn gerade mit dem so tief in uns sitzenden Begehren, endlich herauszubekommen, worum es geht in dem Gedicht, wie man mit anderen Worten über die Sache, die gerade verhandelt wird, reden soll, rechnet Steinbacher ab. Auf einen grünen Zweig wird man nicht kommen, wenn man sucht nach der schönen weiten Welt, von der man hofft, dass sie Eingang gefunden hat ins Gedicht. Ein Gedicht, lässt uns Steinbacher wissen, ist gemacht, und zwar aus Sprache. Der Text ist die Wirklichkeit, die Außenwelt befindet sich anderswo, in einem Gedicht von Steinbacher jedenfalls nicht. Es lebt von Verschränkungen und Verzahnungen, von Rhythmus und Melodie und Klang, es handelt sich um Nachrichten aus dem sprachmagischen Zeitalter, die auf Botschaften verzichten. Schönheit, geht in Ordnung, Witz und Ironie, akzeptiert, Irritationen, höchst erwünscht, Einzigartigkeit, selbstverständlich. Entdeckt man tatsächlich einen Sinn, mit dem man leben kann, kommt von anderer Stelle der Angriff des Unsinns, Gegensinns oder Antisinns. Sie alle kommen recht gut miteinander aus in einem Gedicht, das macht sie stark. Natürlich verweisen Gedichte auf etwas außerhalb ihrer selbst, bestehen sie doch aus Wörtern, die nichts anderes anstreben als etwas zu benennen, was nicht sie selbst sind. Das aber ist noch lange nicht alles, kann jederzeit revidiert, der Gedankenstrom neu austariert werden. Zugegeben: Bequem ist das nicht, aber wer richtet sich schon gemütlich ein in einem Gedicht, das auf den Traditionen der Moderne ruht?

Das Stolpern ist die eigentliche Fortbewegungsart eines Steinbacher-Gedichts. Kaum hat man sich orientiert, glaubt, sich einigermaßen zurechtzufinden, beginnt auch schon das große Purzeln. Eine Spur, die ausgelegt wird, ist verwischt, unvermittelt befindet man sich ganz woanders. Halt gibt es keinen, Sicherheitsnetze fehlen prinzipiell. Das lässt sich gut nachvollziehen an obigem Gedicht: „Dein Eckzahn hat´s kapiert, er fehlt“. Also gut, mit der Orientierung ist das so eine Sache. Ein Eckzahn fehlt, dieses Szenario können wir uns vorstellen. Das bietet Stoff für ein privates Drama, bei Steinbacher nicht. Es findet eine Drehung ins Ironische statt, der Eckzahn erweist sich nämlich als Wesen mit Verstand, dass er verschwunden ist, hat er offenbar vorsätzlich angestellt. Hat das mit den Bakterien zu tun, mit denen sich jetzt die Zunge plagen darf? Eckzahn, Bakterien, Zunge, sie sind gut für ein Abenteuer in der Mundhöhle. Zwei Zeilen lang jedenfalls, denn mit dem „nein“ in der dritten Zeile fliegen wir aus dem Bild des körperlichen Leids. Das „du“, das gerade als Verlustträger des Zahns angesprochen wurde, erfährt jetzt, dass es in diesem Jahr „nirgends hin“ geht. Auch gut, nur was das mit dem Ereignis von vorhin zu tun hat, bleibt offen. Muss es auch, weil es Steinbacher ja nicht um das empathische Durchleiden eines traurigen Erlebnisses geht. Die Sprache aber hält das locker aus, ihr tut nichts weh, sie ist zu allen Bocksprüngen bereit, wenn man sie nur lässt – auf die Gefahr hin, dass man ganz wo anders ankommt, als zu Beginn gedacht. Der Überraschungseffekt zählt mehr als die Logik des puren Lebens.

Mit dem Überraschungseffekt ist das aber so eine Sache. Er wird ja oft eingesetzt als großer Blender. Er dient als Rausreißer aus dem Gleichmaß der Befindlichkeit, als Aufmerksamkeitshascher, der Langeweile vertreiben soll. Dazu ist er nicht zu gebrauchen in einem Gedicht wie diesem, das sowieso den permanenten Umschwung zu seiner Methode gemacht hat. Kaum erfährt das lyrische Du, dass es in diesem Jahr zum Daheimbleiben verdonnert ist, wird ihm auch noch nachgerufen, dass es sich „sogar hier als Quell“ sieht. Hm, kann es sein, dass dieses Du einen anderen Ort gar nicht braucht, um sich als Quell zu empfinden, weil das sowieso zu Hause auch gelingt? Warum soll es sich überhaupt als Quell sehen? Und als Quell wofür? Der Eckzahn fehlt, würde das Du wegfahren, würde es auch fehlen. Was tragen Assoziationen bei, einem Gedicht näherzukommen? Eine ganze Menge, sie treiben ja auch den Schaffensprozess voran.

Eine Strophe, vier Zeilen, und Verwirrung ist angerichtet. Und das auch noch vorsätzlich. Das Gedicht ist gefangen in der Sprachwirklichkeit und will sich gar nicht befreien daraus. Das Unberechenbare macht seine Eigenart aus, kein Wort gibt das nächste, das drängt sich einfach selber auf. Grammatik, Syntax, Rhythmus stimmen, nur ein Pakt mit der Logik, auf die wir uns in unserem Alltag verlassen, wird nicht geschlossen.

In der dritten Strophe findet das Gedicht zurück zum Bild vom Mundbereich, wir bleiben beim organischen, wie es eben ein Blatt auch ist. Blatt vorm Mund, Blatt am Strauch, wenn man daran rüttelt, fällt das Blatt nicht nur vom Strauch, auch vom Mund. Und ein Blatt vor den Mund will sich einer wie Steinbacher sowieso nicht nehmen. Wer meint, dass die Welt keine Rätsel mehr bereithält, hat noch keinen Gedichtband von Christian Steinbacher aufgeschlagen. Damit ist er beschäftigt für lange Zeit.

Anton Thuswaldner

Dieser Essay erschien zuerst in:
Florian Neuner (Hg.): Die Rampe 03/2016: Porträt Christian Steinbacher, Linz (Trauner Verlag und StifterHaus) 2016. 216 Seiten. 11,80 Euro.
Hierbei handelt es sich um eine von Florian Neuner herausgegebene umfassende Monografie zu dem Lyriker und Schriftsteller Christian Steinbacher, die neben Arbeiten zum Werk auch zahlreiche Materialien sowie Korrespondenzen und ein Gespräch enthält. lyrikkritik dankt dem Interpreten, dem Verlag und Christian Steinbacher für die Erlaubnis des Einstellens.