|
In Mikadogeäst finden wir Gedichte von Jürgen Nendza
aus 20 Jahren versammelt.
Jürgen Nendza ist, so abgedroschen das auch klingen mag, ein Meister
der (auf den ersten Blick) unauffälligen lyrischen Form. Ihm gelingt
es, Alltägliches und Poetisch-Hintersinniges so zu verbinden, dass
die Bilder leicht schweben und wie selbstverständlich erscheinen.
Wenn es zum Beispiel in einem titelosen Gedicht heißt: "Der
Himmel legt sein blaues Papier über dein luftiges Kleid", so
kann man das durchaus als poetologische Aussage verstehen. Sanft legen
sich viele seiner Gedichte über die beschriebenen Gegenstände.
Anspielungen, wie hier im Zitat auf Mörike, sind wohlplatziert und
beschweren den Fluss der Gedichte kaum, im Gegenteil beflügeln ihn.
Das Nachwort von Jürgen Egyptien spricht in diesem Zusammenhang von
der "Verschwisterung von Nendzas Dichtung mit dem Element Luft".
Das Schöne dieser Gedichte ist, dass sie zwar intuitiv verständlich
sind, aber eigentlich nie banal, dass sie zwar beschreibende Passagen
einschieben, aber nicht in eine Erlebnisprosa abdriften. So schlicht sie
in der Form erscheinen mögen, sie sind nicht rückwärtsgewandt.
In gewisser Hinsicht mag man Nendza als Vorläufer solcher Dichter
wie Nico Bleutge oder sogar Ron Winkler sehen, in denen Elemente der Naturdichtung
sich verselbstständigt haben und reine Sprachbewegung werden, bei
Bleutge eher detailversessen-visuell, bei Winkler hintersinnig-sophisticated.
Anders als bei diesen bleibt bei Nendza die Beobachtung oder situative
Einbindung Ausgangs- und Rückführpunkt aller Einfälle.
Schön kann man das an dem Gedicht "DER GERUCH" sehen:
Nendza verharrt einen Moment bei der Beobachtung selber ("Der Geruch
von Fallobst steigt durch die Fenster"), zeichnet dann bereits Selbstbezüge,
Verwinklungen ("Ein Wespenpaar tanzt in diesem Begriff"), lässt
sich dabei schon mal selbst von einem unerwarteten Einfall überraschen
und reflektiert dies ("Ich werde zu einem Garten, der sich nicht
kennt"), kehrt aber zur Beobachtung zurück ("Das Fenster
schaut mich an"), nun unter geschickt verkehrten Vorzeichen.
Dabei verwendet Nendza gern die leichte, zweizeilige Kurzstrophe, die
seinen ruhig fließenden, reimlosen Gedichten den Atem gibt. Das
bereits erwähnte Nachwort liefert hier eine solide Analyse seiner
Gedichte und lohnt auch eine vorgängige Lektüre. Es analysiert
nicht nur genau, es verbindet die Gedichte auch sehr schlüssig mit
poetologischen Verweisen zu Nendza. Besonders eindrücklich wird das,
wenn Egyptien den Kolibri, stellula calliope, als für Nendza vielleicht
wichtigsten poetischen "Bildgeber" erkennt. Sein Zittern, seine
in der zum (unendlichen) Stillstand kommenden Hyper-Bewegung aufscheinende
"Unschärfe", seine "Variationen in Kalliopes Stimme"
(Kalliope als Muse der Dichtkunst) werden Sinnbild der Dichtung selbst.
Zumal der Kolibri immer schon auch Inbegriff der Wiederauferstehung war,
gehört er doch zu den Tieren, die sich in den Torpor versetzen können.
So kann er aus dieser Starre "wiederbelebt" werden, indem man
ihn ans Herz drückt. So schafft es Dichtung auch, die Momente des
Lebens, sein Vibrieren, Zittern, das in den Worten oft scheinbar erstarrt,
festgezurrt liegt, in der Dichtung wieder zu beleben.
Die Gefahr solch anschaulicher, viel in naturbildlichen Bezügen schwelgender
und für alles einen Vergleich findender Dichtung, benennt Nendza
selbst: "Die Landschaft dahinter // wie unter Wasser, könnte
fortschwimmen / jetzt in gefügigen Worten." Doch diese plötzlich
drohende Leere oder dies Entschwinden weiß er wieder zum Ausgangspunkt
seiner dichterischen Inspiration umzuformen: dieser "Viertelaugenblick
einer Leere, / in der man die Unmöglichkeit des Lebens //
empfindet." bildet genau jene Verzögerung, in der Dichtung sich
einnisten kann.
Und dennoch: so gekonnt diese Dichtung ihre Begriffe und Bilder bis in
eine sanfte Selbstbezüglichkeit entfaltet, so sehr sie ihre Grundlagen
reflektiert, so geschmeidig sie ihre Beobachtungen auch in durchaus originell
zusammengesetzte Metaphern (entnommen einem eher traditionellen Bilderreservoir)
zu verwandeln weiß – ihr haftet manchmal etwas Privatistisches
an, sie vermag dann in ihrer Träumerei, einer Art Privatikonographie,
den Horizont ihres beobachtenden Ichs kaum zu übersteigen. Selbst
wo mehr als Naturbeobachtung, Liebe oder innerlich gesprochene Poetologie
in die Dichtung hineingeholt wird, ist es fast so, als kämen die
Dinge nur en passant vor, zögen teilnahmslos am Auge vorüber,
erzeugten ein kurzes, folgenloses Schuldbewusstsein, um in poetisierter
Ohnmacht zu erlöschen.
Die Anreicherungen der Wahrnehmung, die fast pittoreske Nachdenklichkeit
scheint die seit Jahrhunderten (oder seit je) ver-rückten Gefüge
der Welt, die Tragödien und Abgründe fast auszublenden oder
zumindest herunter zu dimmen.
Aber auch darum weiß diese Dichtung, sie benennt es: "arkadische
Szenen, Märchenbilder".
Als solche könnten sie sich natürlich (und tun dies ab und an
auch) als ein wunderbarer, kluger Rückzugsraum im, um es adornisch
zu sagen, beschädigten Leben erweisen.
Doch stimmt diese Beobachtung ohnehin eher für die Gedichte des ersten
Teils (zum Beispiel schon nicht für "Hinterland"). Die
Gedichte sind nicht chronologisch geordnet, sondern folgen anscheinend
erst einer Spur der Verdichtung – und dann Entspannung, wie wir sehen
werden. Die des Mittelteils werden zunehmend kompakter, Metaphern schieben
sich mal mit einer fast celanschen Note, dann wirklichkeitsbrockig ineinander
(oder beides: "Auch das ein Wellengang: Der Boom-Box-Turm, / ein
Babylon, die Kehlen, durchgeladen mit verweigertem // Gesang. Deine Hand
an meinem Kinn verändert / mein Gesicht. Verzeih, ich vergaß
mich zu rasieren."), das Register wird breiter, Verzweiflung wird
hier und da spürbar und der Druck, der sie zusammenpresst, scheint
auf ein Gesellschaftliches zurückführbar zu sein. Doch so wie
Nendza auch in den Gedichten gern wieder an den Ausgangspunkt anknüpft,
so lockern sich auch die letzten Gedichte des Bandes und ein ruhigerer
Ton kehrt wieder. Immer noch versucht er, Welt und Beobachtung ins Wort
zu holen und auf einen poetischen Mehrwert für das Subjekt hin abzuhorchen.
"In jedem Wort dreht sich die Erde und du weißt nicht, / wie
sie dich ansieht, unter dem Trittschall // aus deinen Fußspuren
heraus, gefüllt mit Konjunktiven / und mit Sand."
Nendza unterschlägt finstere Welt nicht, sie schlummert nur –
und keineswegs immer selig. Und doch ermöglicht dies Schlummern einen
Hoffnungsschimmer. Zu guter Letzt sind die Gedichte Nendzas nicht einfach
auf den Begriff zu bringen, und auch das ist ihr Vorzug: "Ein offenes
Gelände / unter Schwebstoffen, die Unüberbrückbares //
miteinander verbinden."
Hendrik Jackson
Jürgen Nendza: Mikadogeäst. Gedichte aus 20 Jahren. Leipzig
(poetenladen) 2015. 128 Seiten. 16,80 Euro.
|