| Zeitschriftenschau außer.dem, Das Gedicht, Metamorphosen, alba, Lichtungen und zu guter Letzt die Manuskripte |
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Vor mir liegen 5 Literaturzeitschriften (zur sechsten erst am Ende), die unterschiedlicher kaum sein könnten: Sowohl was ihr Format angeht, ihre regionale Bindung, ihre Schwerpunkte, ihre Tradition und ihr Design unterscheiden sich die Zeitschriften stark und spiegeln insofern das weite Spektrum der Literaturzeitschriften. Was alle aber gleichermaßen auszeichnet, ist der Raum, den sie auch der Lyrik einräumen. Unter diesem Aspekt steht natürlich die Zeitschrift Das Gedicht noch einmal heraus. Sie ist ein inzwischen vertrauter Begleiter in der Lyrikszene und legt hier ihre Jubiläumsausgabe #25 vor. Für diese Ausgabe zeichnet diesmal nicht nur Anton G. Leitner verantwortlich, sondern auch José F.A. Oliver. Thema ist Religion, geordnet sind die Gedichte in neun Kapiteln den sieben Todsünden nach, dazu ein sich annäherndes und ein abschließendes Kapitel im einen Fall vorweg- und im anderen nachgestellt. Angesichts des Co-Herausgebers erstaunt ein wenig die Biederkeit der ausgewählten Gedichte, die überwiegend traditionell wirken, sowohl was Form als auch Inhalt angeht. Wir finden so bekannte Dichter wie Jan Wagner mit einem „Gedicht an Jona“ oder Franzobel, aber auch zahlreiche unbekanntere bis gar nicht bekannte Autoren und Autorinnen, was die Lektüre zu einer kleinen Entdeckungsfahrt macht.
Die wie Das Gedicht in Bayern ansässige (dieses in Weßling, jene in München) Zeitschrift außer.dem parodiert in ihrer bereits 24. Ausgabe genau diesen Zwang zur Kohärenz, indem sie all ihren Beiträgen in der Einleitung einfach die Zahl 24 unterjubelt: 24 gedankeninnenansichten, 24 vorfrühlinge, etc. 24 also: An Ausgaben zieht diese jüngere Zeitschrift fast mit dem Gedicht gleich, ist allerdings nicht so umfangreich und auch etwas legerer in der Präsentation: Schriftgrößen wechseln sich munter ab, Textformen ebenso – und wenn Das Gedicht eine eher schnurrig-andächtige Erkundungsfahrt von Kapelle zu Kapelle ist, dann ist dieses kleine Heft eine geschwinde und gewitzte Fahrt mit dem Mountainbike über nur locker abgestecktes Terrain, querfeldein. Der bereits erwähnte Oliver ist auch vertreten mit einem sehr langen Gedicht – und Texte solchen sprachexperimentellen Kalibers hatte man bei dem Gedicht ein bisschen vermisst. Interessanterweise führt das etwas wilde und „studentische“ Layout des Heftes nicht zu Desorientierung: die Texte sind spannend und so hintereinander geordnet, dass man den Parcours gut abfahren kann – ein kleines und großes Vergnügen. Wechsel von München nach Berlin: die auch eher junge Literaturzeitschrift Metamorphosen bringt es auf immerhin schon 18 Ausgaben. Sie schafft es allerdings in der vorliegenden achtzehnten Ausgabe, ein Thema engzuführen und mit ihren Beiträgen eine thematische und konzeptuelle Dichte zu erzeugen: es geht um fake, ein sehr zeitgenössischer, um nicht zu sagen hochaktueller Gegenstand, der überdies den Vorzug hat, an den innersten Kern jeder Literatur zu reichen: die Frage nach dem Original, nach Originalität und mehr noch: die Frage nach der Diskrepanz zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Denn hinter der Frage nach dem fake lauert natürlich immer die umgekehrte Frage: ob es überhaupt ein Original, ob es etwas Authentisches in der Literatur, die formal gesprochen ja auf der Wiederholung von Zeichen beruht, geben kann. Wenn also die Wiederholung und das Spiel mit der Neuordnung von bereits
Gekanntem die Grundlage jeder Literatur ist, dann muss alles Authentische
in der Literatur ein Authentisches zweiter Ordnung sein. Deshalb ist es
konsequent, dass der Autor Joshua Groß das Konzept des Authentischen
gerade an Karl May hochziehen will, der es bekanntlich nie in den Wilden
Westen geschafft hat.
Das aber ist nicht dem Magazin anzulasten. Wie oft, wenn man sich in eher unbekannten Kulturen bewegt, bekommt, was zu Hause vielleicht eher alltäglich wirken würde, einen exotischeren Reiz und Sätze oder Bilder blühen in solchen Kontexten leichter auf. Das kommt den hier abgedruckten Gedichten erst einmal zugute, verhindert aber auch, dass sich dem Kritiker Tiefschürfendes entlocken ließe: sein Auge weilt zu träumerisch bei den Gringos eines Rógers Santiváñez oder dem eigenartigen „Gesang des Feuers“ eines Ak‘abal, dessen Laute indianisch anmuten: „Waq‘ waq‘ waq‘ waq‘ ...q’aq‘ q’aq‘ q’aq‘ q’aq‘“ (man beachte die Links- und Rechtsdrehungen der Apostrophe). Faszinierend!
Da man von den Autorinnen und Autoren jeweils nur ein, zwei Gedichte zu lesen bekommt, hat diese Anordnung wohl eher einen rein informativen, denn einen literarischen oder szene-erkundenden Sinn, wie man ja überhaupt aus ein-zwei Gedichten weder Tendenzen, schon gar nicht biografische oder regionale Bezüge herauslesen kann. So wirkt es eher, als wolle man allen Partizipienten der Szenen gerecht werden. Besser wäre vielleicht eine inhaltliche oder qualitativ nochmal enger gefasste Auswahl gewesen (und dann zum Beispiel von manchen Autoren mehr Gedichte) – aber Mäkeln ist immer leicht. Dennoch neigt, in so einem ohnehin schon überfrachteten Heft, eine auf Repräsentanz ausgerichtete Auswahl zur Informationsvermittlung zu werden, eine Schlagseite, die auch diese Rezension selbst erfasst: für eine dem Thema gerecht werdende Ausführlichkeit ist immer zu wenig Platz, und doch erwartet der Leser mehr als Deskription. So besteht hier wie dort die Gefahr, dass man von den vielen kleinen Häppchen nicht satt ist, aber doch eigentümlich überfressen. Man verzeihe mir und den Lichtungen diese fast unvermeidliche Schwäche.
Gerade schwungvoll dies Fazit geschrieben, da erreicht mich die neuste
Ausgabe der Manuskripte. Und auch auf die oben beschriebene Gefahr
hin der Übersättigung, muss ich doch noch einen wenigstens werbenden
Hinweis nachliefern (mehr würde die Rezension noch einmal um zwei
Wochen verschieben) – denn diese Ausgabe ist aufregend geworden.
Franz Josef Czernin ist vertreten mit Gedichten, die verblüffen.
Fast schon mühelos scheint er seinen Stil wie ein Altmeister spielerisch
neu erfinden zu können und legt überdies noch eine famose Gewitztheit
an den Tag. Außerdem finden wir Gedichte der Manuskripte-Förderpreisträgerin
Verena Stauffer und Lyrik von Friederike Mayröcker, Aleš Šteger,
Johannes Kühn, Alida Bremer, Mikael Vogel & anderen hochklassigen
Lyriker*innen. |