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Halb zog es ihn, halb zog er selbst – ins Halbdunkle, das ihm wohl
wie saturnische Gefilde der Vergessenen anmuten musste, da er vom
Radar kurzatmiger betrieblicher Heischung zunehmend verschwand. Die Rede
ist von Ulrich Zieger. Immer wieder mal war in den letzten Jahrzehnten
von ihm die Rede, mal mythisch-bewundernd, mal wie von einem, der irgendwo
stecken geblieben war. Nur wenige Autoren überleben in der Aufmerksamkeitsökonomie
einen Umzug ins nichtdeutschsprachige Ausland. So wohl auch Ziegler, zumindest
in der Selbstwahrnehmung. Denn der Roman Durchzug eines Regenbandes,
an dem er 10 Jahre im Stillen gesessen hatte, wurde weitflächig besprochen.
Zeit, Ruhm zu Lebzeiten zu entfalten, gab es nicht, Zieger starb schon
bald nach der Publikation.
Zwei der letzten Jahre dienten ihm, so erfahren wir aus dem Klappentext
des Buches „Die Werkstatt“, erschienen 2016 zunächst in
der Édition Grèges und nun vom Verlag Distillery
mit einem deutschen Umschlag versehen und vertrieben, „eine Buchbinderwerkstatt“
„als Herberge und Rückzugsgebiet, zwei Winter und zwei Sommer“,
irgendwo in seinem »Exil« in Frankreich. Alles an diesem Buch
ist besonders: Der Verlag, die Zweisprachigkeit (das Buch ist deutsch-französisch),
der fast ins Vergessen geratene Autor, die Umstände, die Gedichte
selbst schließlich.
Anfang des Jahres 2016 gab es einen kleinen, aber hochinteressanten Blog
auf der Literaturzeitschriftseite hundertvierzehn des Fischerverlags,
auf dem sich diverse Autoren 114 Gedichten annäherten, sie umkreisten,
kritisierten oder weitersponnen. Dort ging es auch um das letzte Gedicht
Ulrich Ziegers. Man
findet es hier.
Die an das Gedicht Gesöff anschließende Diskussion ist
in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und verdient aus der Tiefe des Netzes
gehievt zu werden. Dass sich gerade an Zieger Grundsatzdiskussionen zum
Verfahren des Blogs entzündeten, scheint kein Zufall zu sein, denn
Zieger dient leicht als Kristallisationspunkt grundsätzlicher Erwägungen
zum Gedicht, zum Betrieb und zum Leben eines Lyrikers in Zeiten, in denen
Medialität bestimmten Konditionierungen unterliegt, die eine lyrische
Wahrnehmung geradezu auszuschließen scheinen.
Zum einen ging die Diskussion darum, inwiefern ein Autor(werk) von seinem
Ende her aufgezäumt werden sollte. Eine Frage, die sich bei Zieger
nun fast unvermeidlich stellt. Er teilt damit das Schicksal einer nicht
unbeträchtlichen Reihe von Dichtern. Daran anschließend stellen
sich zwei weitere Fragen, die ich so formulieren möchte: Zum einen
– was macht der Literaturbetrieb aus „Namen“ oder besser:
wie und inwiefern spiegeln diese „Namen“ zurück auf unser
Leseverhältnis – und zum anderen – wann, unter welchen
Insignien gehen Leben und Lesen, Leben und Schreiben ineinander über
– eine Frage, die sich bei Zieger nicht nur biographisch wegen seines
frühen Endes aufdrängt, sondern weil sein Schreiben auch immerzu
auf Erlebtes, auf Erfahrung zu rekurrieren scheint – ein Leben, das
wohl im Spätwerk von einer Art Behauptungskampf gezeichnet gewesen
war. Theresia Prammer beschreibt folgerichtig auf hundertvierzehn
in ihrem ersten, bewegenden Kommentar, der geradezu die Form eines Nachrufs
annimmt, Zieger als Inkorporation gelebter Literatur.
An diese Fragen rührt auch „Die Werkstatt“. Das Buch ist
von einem eigentümlichen, kaum anders als „authentisch“
zu nennenden Ton durchzogen. Dabei entspringt diese Authentizität
womöglich auch einem gewissen Widerspruch. So sehr sich eine gewisse
Verbitterung über die menschliche Gesellschaft den Gedichten eingeschrieben
hat – und unzweifelhaft wird auch die abgesprochene „Marginalisierung“
Ziegers dazu beigetragen haben – so sehr scheint dem Autor jede Betrieblichkeit
und jedes Interesse daran abzugehen – oder musste ihm allmählich
abgehen. Lange sah es nicht nach solcher Abgeschiedenheit aus, man erinnere
nur an seine Teilnahme beim Bachmannpreis, seine Publikationen, die Zusammenarbeit
mit Wim Wenders usw. Zuletzt (oder immer schon?) hat der Autor gewisse
Gepflogenheiten des Schreibens gemieden, vor allem marktkonforme Geschliffenheit
oder Andockbarkeit an trendige Diskurse und Formen, blieb so aber eingekerbt
in die besonders gefährliche Unsichtbarkeit (aus „Hysterie“).
In der „Werkstatt“ findet sich Durchkomponiertes neben (scheinbar?)
Zufälligem, Biographisches mischt sich mit Zeitdiagnosen, mit Allgemeinplätzen
aber auch poetischen Bildern und märchenhaften Szenen. Rhythmisch
geht es zum Teil rasant zu, dann wieder eher holprig, formvollendete Zeilen
werden von flüchtig eingestreut wirkenden Notaten gebrochen. Das
Verblüffende aber (was vielleicht zu diesem Eindruck des Authentischen
beiträgt) ist, dass diese Sprünge, dieses Sich-Sperren (oder
einfach bewusste Unbekümmertheit) gegen jede müßige Form
von »Meisterschaft« keineswegs mit zersprengter Disparität
einhergeht, sondern eine Erdung in Erfahrung und im Moment erfährt
und kohärent zu sein scheint. Das macht das Buch letztlich persönlich:
Lebensumstände und Dichtung gehen eine – oft sehr melancholische
– Symbiose ein. Deshalb auch schlagen Zeilen, die bei anderen Dichtern
vielleicht eher sentenzhaft wirken würden, hier aus. So heißt
es in „Tristesse der Terrassen“: ich weiß ja wie traurig
das meiste in wahrheit verläuft / in der welt ohne ausweg (...) /
(...) / ich will auch nicht reimen, ich will auch nicht schildern oder
in seinem Auftaktgedicht „Winter, betrunken“ nach einer Reihe
von resignierten Bemerkungen (selbst?)kritisch: wir sind einfach lieblos
geworden.
Wie bei manchen Autoren ist auch bei Zieger seine vermeintliche Schwäche
zugleich seine Stärke. Indem er sich nicht abmüht, kunstvoll
zu erscheinen, sind seine Gedichte selbst in ihren pathetischen, gezierten
oder fantastischen Anleihen von einer Direktheit, deren stetes Verweisen
auf zugrunde liegende, radikale Gefühlslagen manche Erkenntnis oder
Zeile besonders aufladen, womöglich »rechtfertigen».
Interessant ist das bei einem Autor, der doch für seine „Fabulierkunst“
(Koziol) gerühmt wird. Das lässt schließen – und
es erschließt sich auch –, dass hier doch keine so unmittelbare
Einfachheit waltet, sondern eine komplexere Wahrnehmung und Einsicht in
die Verstrickungen entsprungene, die durch ihre verhangenen Stimmungen
als Wahrheit am Ende der Tage leuchten mag. Zumal immer wieder (sprachlich)
Hintersinniges und Wunderliches damit kontrastiert. Dabei wendet sich
Zieger auch an die Tradition, die bei ihm von Montaigne über Theophrast
und Pinocchio bis hin zu Tom Waits reicht.
Das vielleicht stärkste Gedicht, in dem vieles von dem aufscheint,
dem ich mich mit obigen Mutmaßungen nähern wollte, ist „Eiswasser“.
Es sei hier in Gänze zitiert:
Sobald die weltbesitzer sich dazu entschließen
eine schwer erkämpfte lebensweise aus der zeit zu tilgen
müssen nach und nach alle (ein jeder – so falsch er es findet
–)
sich in die veränderung fügen wie laub in den herbststürmen
so nämlich will das verhängnis begrüßt sein
liebespaare trennen sich in panik
alte freunde zanken sich in blanker hysterie
angekündigte anrufe erfolgen nicht mehr
auch zarte menschen lügen von tag zu tag besser
gewisse Leute scheinen ihre körperlichkeit einzubüßen
man muss damit aufhören sich zu betrinken
durch trockene Wochen und Monate gehen
zwar schlaflos oft von angstzuständen überfallen
doch ist nur askese die fälschung erkennbar
dass gott selbst auch unwägbar blieb
Ziegers Gedichte zielen auf einen Raum jenseits von rein literarischen
Wertungen und wollen sich besinnen auf Dichtung als zutiefst persönliche
Auseinandersetzung mit der Welt, als Erkenntnisinstrument. Erkenntnis
ist bei ihm aber nicht nur ein vielfältig zu Lesendes – immer
auch ein Gelebtes und zu Liebendes. Unter dem Mangel an Zuwendung oder
einer herrschenden Unbarmherzigkeit mag einer, der gerade im Schreiben
(zunehmend) Wahrhaftigkeit suchte, Irrwitz fand, besonders gelitten haben
– umso mehr verdiente seine Literatur eine Aufmerksamkeit, die nicht
nur ein Blick in seine „Werkstatt“ werfen, sondern diese zum
Anlass nehmen könnte, auch den ganzen Zieger wieder zu entdecken.
Hendrik Jackson
Ulrich Zieger: Die Werkstatt. Berlin (Distillery Nr. 45 - mit Genehmigung
der Editions Grèges und der Erben) 144 Seiten. 15,00 Euro.
Diese Rezension erschien zuerst in den signaturen
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