|
Wenn du irgendwo auf einer Luftlinie das Wort „ich“ hörst,
suche die Quelle, suche den Wellen-Emittenten, suche den entsprechenden
Mund. Das nämlich ist die rekursive Struktur dieses Wortes, dessen
Sinn allein darin besteht, auf den zu zeigen, der es ausspricht. Dabei
erscheint das „ich“ im präsentischen Beisammensein von
Sprechern fast als überflüssig. „Gedicht vorlesen“.
Genau, er will jetzt ein Gedicht vorlesen. Andererseits wird das Zeigen
der Sprache auf ihre Sprecher in dem Maße uneindeutig, in dem Sprecher
nicht präsentisch beisammen sind. Wenn du jemanden „ich“
sagen hörst, dich umblickst und niemanden siehst, zeigt die Sprache
– auf niemanden. Geht man über zur Karriere des nicht gesprochenen,
sondern geschriebenen „ich“, zeigt es, im adressierten Brief,
allererst auf den Briefkopf, auf den Absender, der jetzt anderswo präsent
ist, der irgendwann tot sein und von seinem „ich“ ggf. überlebt
werden wird (denn es gehört niemandem). In der literarischen Prosa
zeigt das „ich“ eines Erzählers, das „ich“ einer
„wörtlichen Rede“ offenbar nicht auf die Quelle der Prosa.
Aber Roman und Erzählung legen das zweite große Moment des
„ich“ neben der Rekursion offen, die Attribution: Als Subjekt
von Sätzen schreibt sich das „ich“ Prädikate zu, werden
ihm Prädikate zugeschrieben, die sich zum Deckenfresko ganzer „Welten“
kombinieren lassen. Wo die Rekursion nackte Form ist (Schlaufe), ist die
Attribution die vielfache Schlaufe, in der sich der Inhalt verfängt
(Netz). Auch viele Gedichte legen der Schlaufe ein Netz aus, sammeln dem
„ich“ (innere, äußere) Welten zusammen, die ganz
sind. Andere exponieren, indem sie die Attribution ganz aussparen, bloß
andeuten oder inkohärent gestalten, eher die nackte Form des „ich“.
So sieht man denn, in einer transparenten Stadt, überall dort kleine
Dioden momentan aufblinken, wo sich auf einer Luflinie die Schwingung
„ich“ lokal ausprägt. Und man sieht, wie radioaktiv markierte
Fossilien (rekursive Schneckenhäuser) in Gesteinsschichten glühen,
die „ichs“ in den Archiven der Schrift glühen, in den Briefablagen,
Regalen, Bibliotheken, sieht in flagranti den Transport verschrifteter
„ichs“ durch Post und Paketdienst. Das wäre eine Karte
der Ich-Strahlung, auf der auch die Exemplare von Gerhard Falkners Gedichtbänden
wemut und X-te Person Einzahl verzeichnet sind, in denen
sich das Gedicht Ich, bitte antworten! findet, dessen „ichs“
selbst nach Kartierung und Rekonstruktion verlangen (1).
Die „ichs“ sind auf allen Ebenen des Gedichts und insgesamt
dutzendfach eingestreut, aber es sind je verschiedene „ichs“
und es sind je verschiedene Ebenen. Da das Gedicht mich selbst auf die
spätbarocke Stuckateurs-Kunst und Freskenmalerei der Brüder
Cosmas Demian und Egid Quirin Asam führt („kraniche habe ich
gesehen und flußkrebse / [...] / ein treppenhaus der asams“),
verwende ich deren Arbeit vorläufig als Matrix. Steht man in einem
der von den Brüdern – v.a. in Bayern – gestalteten Sakralbauten,
sieht man, simpel ausgedrückt, zunächst tragende Säulen
und Wände, dann Stuck und skulpturale Elemente, die übergehen
in Fresken, die selbst wiederum Säulen und Wände, Stuck und
skulpturale Elemente perspektivisch zeigen (Fresko I), welche die Bühne
abgeben für die Repräsentation biblischen Geschehens (Fresko
II), das, am höchsten Punkt, von einer gemalten Kuppel überkrönt
wird.(2)
Tragende Säulen und Wände. Das sind in Falkners Gedicht
die traktathaften Momente, der angedeutete Diskurs über „das
ich“, der den Eingang des Textes bildet und im Verlauf noch gelegentlich
Säulen aufragen lässt: „die außenwelt begrenzt das
ich schweigend / sie ist von herzen stumm / ihrer stille mangelt alles
geschrei / das ich ist es, das die außenwelt mit lärm / erfüllt.“(3)
In der Sprache nicht „ich“ zu sagen, sondern etwas über
„das ich“ zu sagen, heißt, nicht einem „ich“
eine Welt zu geben, sondern der nackten Form des „ich“, der
Schlaufe als Schlaufe, eine Welt zu geben. Das könnte man
dann Theorie nennen.(4) Aber es geht gar nicht so
sehr um die Gehalte der Theorie. Sondern es ist die Ästhetik
traktathaften Sagens, die Geste der unverblümten Behauptung,
die Falkners Langedicht trägt, ihm eine Architektur verschafft.
Stuck und skulpturale Elemente. Viel Stuck ist nicht in diesem
Text, aber doch ein paar Passagen abstrakter Figuration. „grund und
gegenteil überqueren eine straße“. „selbst ist entweder
– oder“. „vielleicht und nein stehen beisammen“. Es
sind geometrisch wirkende Spiele, die der Text hier mit Begriffspersonen
veranstaltet, welche er nach der Logik kleinster „Situationen“
dekliniert: „irgendetwas ist vom gegenteil / mit dem es eine straße
überquert, nicht zu / unterscheiden / [...] / und wird der grund,
der mit dem gegenteil / sie überquert, von einem auto erfasst / verwirft
sie ihn einfach uns so weiter.“ Ein über geradezu parmenidischen
Stuck gleitender Blick.(5)
Fresko I. Zwischen der Rede über „das ich“ und dem
bloßen „ich“-Sagen liegt, ließe sich argumentieren,
das „wir“, die gattungsmäßige Selbstbezeichnung,
die alle „ichs“ aufnimmt und in chorischer Rede die gemeinsame
Welt ausmalt, d.h. die „wir“-Architektur, auf der die „ichs“
dann herumspringen, ihre „individuellen“ Biografien ansiedeln.
„unsere kräfte ragen hinaus in den / ziellosen regen“.
„unsere körper erregen mit licht / das mutige grün der
kontinente. schön!“ und: „wir gehen nach kräften durch
die stadt“. Ja, das tun wir, gemeinhin, wir Menschen, wir Deutschen.
Fresko II. Und dann die über sich selbst sprechenden, winzigen
„ichs“ (fast ein Gewimmel).(6) Es gibt
die Andeutung einer einzigen Situation, die des (nicht) Aufwachens: „die
augen öffnen sich / sofort ist welt da“, „im montagsmantel
erscheint die woche / und findet mich schlafend“. Es gibt weiter
den Bildersturz des von „mir“ Gesehenen, das „persönlich“
erinnert sein könnte. Und es gibt endlich die überfließende
Heterogenität des Zugeschriebenen, die das beliebige „ich“(7)
als nackte Form nicht thematisiert (tragende Säulen),
sondern unmittelbar vorführt. „ohne mich wäre kein urknall,
nichts ägyptisches / weder fernfahrer noch vergnügen / [...]
/ nicht auf rolltreppen rollte ich durch / die warenhäuser und flughäfen
/ [...] / noch als nibelungenwort gäbe es mich“. Ein Kunstwerk
Daniela Comanis wird dieses Prinzip später ins Extrem treiben.(8)
Es dokumentiert die absolute Leere der nackten „ich“-Form,
die eigens Anlaß geben mag für den Ruf: Ich, bitte antworten!(9)
Aber der „automatische ich-beantworter“ hält an ihm selbst
keine Nachricht bereit. Das „ich“ ist bloß die technische
Infrastruktur (Schlaufe) des unbesprochenen Anrufbeantworters eines Anschlusses,
über dessen Nummer nur der verfügt, der ihn anmeldete. Erst
die veröffentlichte Nummer legt dann das Netz aus, das dem „ich“
eine Welt einfährt, hinterlegte „messages“ abhörbar
macht.
Die von den Asams herkommende Matrix erfasst jedoch nicht wirklich die
Tönung dieses Gedichts. Ich dachte da, reichlich disparat, eher an
...Lionel Feininger. Mir erschienen die Tragenden Säulen und Wände
allererst als die eminent vertikalen Strukturen auf manchen von Feiningers
Bildern (z.B. in Barfüsserkirche II, 1926(10)),
die Architekturen bilden, und v.a. geometrische Architekturen aus Licht.
Hierin treffen sie sich mit dem Gedicht Falkners, das zunächst Deutschland
vertikal aufrichtet („unsere körper bilden die knöchel
/ der alpen wie die schläfe der nordsee / ein zwerchfell trennt luft
und wasser / zur mitte: der main“), um dann verschiedenste Figurationen
von Beleuchtung durchzuspielen: etwa die im Zenith vertikale Lichtreflexion
in einer menschenleeren Welt („ruhig ginge das licht zu den blättern
/ und zurück“), den Strahlenkranz einer – transparenten
– Metropole („stadtmassen blenden nachtmassen / strahlenhintergrund
pro kubiklichtjahr“), die „lichtsteinwüsten, landumspült“
oder das „im blühenden baum“ gesteigerte licht: „alles
hat eine tönung“. Das gilt schließlich auch für das
„ich“, das eine „lichtkolik“ ist, die über dem
Schwarz der nackten Reproduktion leuchtet, strahlende Kontraktion eines
Hohlorgans, Rekursion einer Schlaufe. Feininger könnte in Vogel-Wolke,
1926, eine solche Lichtkolik als Vogelschwarm genau erfasst haben.
Andererseits muss man in der Tönung des Lichts im Gedicht stets
auch die Tönung des Regens sehen, von Feininger her: die sich in
der Ferne abzeichnende, geometrische Wand aus Regen. „es regnet.
/ es regnet“, unablässig und auf allen Ebenen(11).
Das ist hier ein intellegibler Regen, der auf „harrende gliedmassen“
fällt, die „haut zur außenwelt“ durchlägt, sich
neuronal fortsetzt und den Bezirk „unser[es] staunen[s]“ trifft
(ebd.). Das „ich“ findet sich, am Grund jeder Philosophie(12),
an die Welt angeschlossen als an ein Wasser-System: der horizontal
auf das vertikal hochgeklappte Land fallende Regen, die Flüsse (horizontal:
„der main“) und rauschenden Wasserhähne, die Meere, die
uns strukturell am Strand platzieren, der Platzregen, der die Überschwemmungen
zeitigt, in denen wir „untergehen“: Condition humaine
der Hydrogeologie.
Am Ende die bislang unbesprochene Kuppel im Fresko (s.o.). In der Kuppel
steht „gott würfelt“, im Fettdruck (158-4). Ist das ein
Plädoyer, gegen Einstein, für die heute gängige Version
der Quantentheorie?(13) Eher nicht. Sondern das
Gedicht beschreibt eine wilde Bahn: vom Homo faber zum Chaos zum würfelnden
Gott.(14) Kommt man vom Chaos her, ist dieser Gott
bloß ein witziger Mißton, herausposaunt so schief als möglich:
Es gibt einen Gott, und der hat einen Würfel, und der Würfel
hat die sechs Seiten der Welt, deren Statistik antizipierbar ist bis in
alle Ewigkeit. Blicken wir also ein zweites Mal in die Kuppel und lesen
nochmal etwas genauer nach, was da steht, über der „vierstelligen
nacht“ (156-3), unter der Sonne: 1 2 3 4 5 6.
Daniel Falb
Anmerkungen
Der Text ist im Titel verlinkt
1 „Ich, bitte antworten!“, in: Gerhard Falkner,
wemut, gedichte, Frankf./M.: Luchterhand Literaturverlag 1989, 147-158.
(Der Text ist, etwas schöner gesetzt, wieder abgedruckt in ders.,
X-te Person Einzahl, Frankf./M.: Suhrkamp 1996, 146-156-) – Vgl.
zum ersten Satz dieses Essay 152-2: „die sprache stellt luftlinien
her“.
2 Vgl. Bernhard Rupprecht, Die Brüder Asam. Sinn und Sinnlichkeit
im bayerischen Barock, Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 1987. Siehe
zur Veranschaulichung der Unterscheidungen etwa die Seiten 62f., 74f.,
84f., 100f., 114f.
3 Ich würde hier auch an folgende Absätze denken: 149-1, 149-2,
149-3, 154-3, 155-2
4 Die einzige mir bekannte ausführlichere Analyse von „Ich,
bitte antworten!“ findet sich in Neil H. Donahue, Voice and void:
the poetry of Gerhard Falkner, Heidelberg: Universitätsverlag C.
Winter 1997, 150-158. Donahue hebt wesentlich ab eben auf eine Theorie
des „ich“ in Falkners Gedicht, die darauf hinauslaufe, den unterstellten
Bruch zwischen Ich und Welt poetisch zu versöhnen: „Poetry is
that attempt to bring self and world into conscious contact...“ „...to
get beyond humanity’s mindful separation from the world.“ (ebd.,
155, 157) Das Problem besteht darin, dass, wenn dieser Bruch, diese Trennung
selbst Fiktion ist, auch die Versöhnung Fiktion – und in diesem
Fall: schlechte Fiktion – sein muss.
Es sind die tragenden Säulen und Wände, die traktathaften
Passagen dieses Gedichts, die es ein Stück weit herausheben aus den
Texten, die Falkner in seinen ersten drei Gedichtbänden kompiliert.
So hat man den Eindruck, es habe sich allererst aus Reflexionen des Typs
herausentwickelt, die auch Falkners Poetologie Über den Unwert
des Gedichts prägen. Der gedankenlyrische Gestus von „Ich,
bitte antworten!“ war für mich der Aufhänger seiner näheren
Behandlung.
5 Man achte auf den Geschmack etwa folgender Passagen: „Die Natur
des Eins deckt sich doch nicht völlig mit der des Einerlei.“
– „Wie nun? Scheint nicht das War und das Ist
geworden und das Wurde die Gemeinschaft mit der Vergangenheit zu
bezeichnen?“ – „Insofern es nun dem Eins zukommt
von dem Anderen verschieden zu sein und das Andere sich
ebenso zu dem Eins verhält, insofern hat doch das Eins
einerlei Beschaffenheit mit dem Anderen und das Andere mit
dem Eins.“ – etc. (Platon, Parmenides 139d, 141d, 147c,
Übersetzung Apelt)
6 156-3: „die irrwitzig winzige randerscheinung / meines seins“
7 Das beliebige „ich“ dürfte auch eine Konnotation
der Falkner’schen Wendung „X-te Person Einzahl“ sein, mittels
derer er das „ich“-Thema fortschreibt (vgl. Fn. 1). Allerdings
hat die Wendung genau besehen eine Struktur, die diese Konnotation nicht
wirklich bestätigt. Vielmehr fordert sie die Frage heraus, was denn
für x>3 passiert. Ich: ein Punkt weist auf sich selbst. Du: ein
Punkt weist auf einen zweiten Punkt. Er: ein Punkt weist im Beisein
eines zweiten Punkts auf einen dritten Punkt. Geht man nach Schema
weiter, dann heißt 4. Person Einzahl: ein Punkt weist im Beisein
eines zweiten und eines dritten Punkts auf einen vierten Punkt. Je
größer x wird, desto größer wird nicht die Beliebigkeit
des einen Punkts, auf den je gezeigt wird (Einzahl), sondern desto großer
wird der Umfang und die Beliebigkeit der Zusammensetzung der Gruppe,
aus der heraus auf ihn gezeigt wird. Damit scheint sich die Wendung
als eine zu entpuppen, die, gegen obige Lesart, gerade die Möglichkeit
eines heroischen Einzelnen (d.h., stets Einzähligen) pointiert.
8 Vgl. Daniela Comani, Ich war’s, Frankf./M.: Revolver Archiv für
aktuelle Kunst 2005. Comani lanciert hier, über die Figur des einen
„ich“, die maximal inkohärente Urheberschaft 356 bedeutender
oder unbedeutender Ereignisse des 20. Jahrhunderts.
9 Meine erste Intuition beim Lesen des Titels war folgende: Wenn das „Ich“,
als Raumschiff, bei abgerissenem Funkkontakt durch den Weltraum trudelt,
dann treffen auf der Erde „Über-ich“ und „Es“
unvermittelt aufeinander. Aber das führte nicht weiter.
10 Siehe auch z.B. Gelmeroda VIII, 1921 oder Gelmeroda IX, 1926
11 Vgl. 149-1, 154-1, 157-1, 157-2, 157-3, 158-2
12 Vgl. Aristoteles, Metaphysik 982b11-983a21
13 Vgl. Dieter Hattrup, Einstein und der würfelnde Gott. An den Grenzen
des Wissens in Naturwissenschaften und Theologie, Freiburg: Herder Verlag
2001
14 Homo faber: Das „ich“ „begeht die welt mit getöse
/ eine concorde startet / ein kraftwerk wird angefahren“ (149-1),
ohne das „ich“ rollte niemand „auf rolltreppen [...] durch
die warenhäuser und flughäfen“ (152-1). Die rekursive Figur
des „ich“ bewirkt hier das Reflexiv-Werden der Welt (vgl. 154-2):
das Reflexiv-Werden der Materie in der Poiesis (selbsterzeugte Umwelt
und Geschichte), das Reflexiv-Werden der Evolution im Züchten und
genetical engineering, das Rekursiv-Werden des Universums im Gehirn,
dass es fasst. – Chaos: „grammatik / eine singularität
im chaos“ (153-2); aber „seine innere irre ordnet der geist
/ grundlos“ (158-3), eben weil diesem Ordnungsversuch keine extramentale
Ordnung entspricht.
|