Gedächtnis und Gewebe – zu „innere organe“ von Paul-Henri Campbell

Paul-Henri Campbell, 1982 in Boston geboren, ist ein deutsch-amerikanischer Lyriker, der zweisprachig aufgewachsen ist und sich auch in seinem Schreiben zwischen den Kulturen und Ausdrucksformen mäandernd bewegt. Schon mit nach den narkosen / after anesthesia (2017) und Tattoo & Religion (2019) hat er gezeigt, wie eng Körper, Sprache und Glaubenswelten miteinander verschränkt sind. Mit innere organe führt er dieses Programm weiter – und rückt den Körper noch deutlicher ins Zentrum: als literarischen Raum, als Archiv von Erinnerung und Verletzlichkeit.

Diese Entscheidung ist biografisch unterfüttert. Campbell, Sohn eines amerikanischen Offiziers und einer deutschen Krankenschwester, wuchs zwischen Massachusetts und Bayern auf. Von Geburt an von einem schweren Herzfehler betroffen, trägt er seit seinem 24. Lebensjahr einen Herzschrittmacher. Krankheit und medizinische Eingriffe sind Teil seiner Lebensgeschichte, doch sie bleiben nicht privat. Campbell verwandelt sie in poetische Sprache, die sichtbar macht, was oft tabuisiert wird: die Brüchigkeit des Körpers und die Fragilität des Lebens.

Der Band beginnt mit dem Zyklus haut. Die Haut, äußerste Hülle des Körpers, ist hier Grenze und Öffnung, Spiegel und Archiv:

da ist sie spieglein stumme zeugin
deines lebens einige furchen & falten
kräfüßig scrund- & muldenförmig
tektonische kräfte zwischen horn- &
glanzschicht epidremische riftzonen
duktile scherzonen schraffiert & weich

& dann so viele muttermale (du
nennst sie lieber leberflecken)
hingetüpfelte konstellationen
ab ovo

Das lyrische Ich erscheint verletzlich und exponiert, zugleich aber auch gestärkt durch die Verwandlung in Literatur. Die Inszenierung von Zerbrechlichkeit wird zu einer poetischen Strategie: Schwäche verwandelt sich in lyrischen Ausdruck.

Campbells Lyrik arbeitet stark mit kulturellen und sprachlichen Bezügen. Anglizismen, Latinismen, Gräzismen ziehen sich durch die Texte, schaffen eine Hybridität, die spielerisch wirkt und zugleich eine intellektuelle Dimension öffnet. Manchmal mag die Fülle dieser Codierungen fordernd erscheinen, doch sie gibt den Gedichten ihre charakteristische Mehrschichtigkeit.

Besonders eindrucksvoll gelingt Campbell die Umformung tradierter religiöser Formen. Im Zyklus innere organe widmet er einzelnen Organen – Niere, Leber, Magen, Darm – eigene Litaneien. Die Sprache schwingt hier zwischen Ernst und Übertreibung, zwischen Hymnus und Spiel:

nierenreihe alliterativ & assonantisch / listig & loopisch
nierenreihenornament

nierenanapher & popoanapher also epipher
oder hendiadyoin & dopplung & duplikat & double

nierenreihenstolpern

ist hinkjambus ist nierenzeugma ist hysteron

ist & plötzliche nierenticentia

(aus: fünfte litanei niere)

So entstehen Texte, die das Unsichtbare und Tabuisierte ans Licht holen. Sie wirken fast beschwörend, als wollten sie der Krankheit und dem Kranksein entgegenwirken und der Sterblichkeit und Vulnerabilität einen poetischen Widerpart entgegensetzen.

Aber der konkrete Erfahrungshintergrund der Gedichte wird nicht nur in ihrer Körperlichkeit eingeholt, sondern auch in ihrer Lokalisierbarkeit an verschiedensten Orten. Die istanbuler elegien führen an den Bosporus und nach Istanbul, während luftbrücken konkrete Straßennamen als Titel der Gedichte wählt und deren spezielle Atmosphäre wiedergibt. Doch es geht nicht um Kartographie, sondern um Atmosphäre: Orte werden in lyrische Topographien verwandelt. Hier mischen sich Sprachen, Deutsch und Englisch überlagern einander. Wenn das „sh“ das deutsche „sch“ ersetzt, dann nicht nur als Spielerei, sondern als kleine Verschiebung in eine Zwischenwelt, die ihren eigenen literarischen Ort behauptet.

So zeigt innere organe, dass der Körper mehr ist als biologisches Gewebe. Er ist Medium der Erinnerung, Schauplatz der Sprache, Resonanzraum kultureller Tradition. Campbells Gedichte bewegen sich zwischen Pathos und Ironie, zwischen Intimität und Überhöhung. Sie laden dazu ein, das Brüchige nicht als Defizit, sondern als poetische Ressource zu lesen.

Campbell gelingt es, die Fragilität des Lebens nicht zu beschönigen, sondern in Kunst zu verwandeln. Gerade in dieser Spannung entfaltet seine Lyrik ihre eigentliche Kraft.

 

Florian Birnmeyer