Ich bitte um Nachsicht, dass ich hier mal eine kleine Erklärung in eigener Sache publiziere. Zum einen passt es natürlich zu „Inzestbude“, zum anderen würde ich gern eine Diskussion anstoßen, was Büchermachen heute eigentlich bedeutet und bedeuten kann. Oder: was Literatur eigentlich soll. Die Kriterien der Auswahljurys zu befriedigen – das kann letztlich nicht reichen.
Es hat sich lange angebahnt – aber es sich einzugestehen ist dann doch schwieriger, als gedacht. Dass kookbooks in der Form, wie es uns und auch wohl Daniela mal vorgeschwebt hat, tot ist, war mir und einigen anderen Beteiligten schon lange klar – und ich habe auch mit Daniela auf offener Bühne darüber geredet. Das meint vor allem die Dinge, die Energie und der Aufbruch, die zu benennen schwer ist… alles, was sich dann um den Begriff „Poesie als Lebensform“ versammeln ließe.
Ich muss sagen, dass mein Gefühl war, dass ich irgendwann der Letzte war, der diesen Anspruch noch hochgehalten hat. Ich mache das gern, zu lange auf Partys zu bleiben.
Nach und nach haben sich alle in den regelbasierten, gewöhnlichen Literaturbetrieb verabschiedet. Das ist nicht nur nicht verwerflich, sondern irgendwo auch gut so, Überleben geht vor. Ich bin dabei, teils ungewollt, teils absichtlich ein bißchen am Rand stehen geblieben, auch weil ich nach wie vor, bei allen lebenden Widersprüchen, eine große innere Distanz zu solchen selbsterfüllenden, staatsfinanzierten bubbles habe, die sich eine Wirklichkeit vorspielen, die es so nicht gibt. Oder eben nur dort.
Dazu kommt, dass es nirgendwo so schlechte Umgangsformen gibt wie im niederen Literaturbetrieb. Die Geschichten über Matthes und Seitz sind legendär. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch unter guten Freunden wird es, sobald es um den Betrieb geht, für normal gehalten, dass man auf ANGEFORDERTE Manuskripte einfach nicht antwortet. etc etc
Dass es, da es wo um größere Summen geht, sofort umschmeichelt und hofiert wird, macht die Sache wirklich nicht besser. Dazu kommt die Spießigkeit einiger Akteure im Literaturbetrieb, das sich Ranschmeißen an Moden und Diskurse, die manchmal beschämende Unfähigkeit, ambivalent und ja: poetisch zu denken. Denn Poesie ist mehr als ein gut gemachter Text zur richtigen Zeit. Das alles spielt im Betrieb keine Rolle mehr, er rollt und rollt bis zur Bewusstlosigkeit.
Mit meinen Ansprüchen an etwas, das irgendwo zumindest von fern noch an Wahrhaftigkeit ausgerichtet ist, lässt sich das nicht gut vereinbaren. Natürlich werden weiterhin sehr sehr gute Bücher gemacht, auch und vor allem bei kookbooks. Auch dass man bezüglich der Resonanz Augenwischerei betreibt – geschenkt (jeder Letztligaverein hat mehr Fans als wir Lyriker Leser) – Kultur ist mehr als öffentlicher Zuspruch. Ich bin auch Daniela Seel und allen anderen, die die die Flagge hochhalten, oft unter Vernachlässigung ihres Kapazitätshaushalts, sehr sehr dankbar und werde es sein.
Mir schwebt allerdings ein anderes Büchermachen und Literaturleben vor (mit Betonung auf leben), das ich auch weiterhin verfolgen werde. Ich freue mich insbesondere auf eine neue Generation, die hoffentlich mit ebenso viel Idealismus an die Sache rangehen wird, wie weiland Daniela.
Hendrik Jackson
P.S. keine Klage, Aufbruch! more to follow.