Ein traurig-behändes Stolpern. Zu „ein reim“ von Sophie Barthelmes

Wer ein reim aufschlägt, bemerkt sofort die eigensinnige Form des Schriftbildes, die das Lesen und Verstehen von Beginn an prägt. Sie ergibt sich aus sehr kurzen Textzeilen, meist nur aus wenigen Silben bestehend, die sich in Zweierblöcken, in Strophen gegliedert, über mehrere Seiten erstrecken können. Diese Blöcke bilden die besondere graphische Form des Langgedichts. Gängige Interpunktionszeichen werden radikal vermieden. So ziehen Zeilenumbruch und Leerzeilen automatisch die Aufmerksamkeit auf sich.

sie
spielten

verstecken
sie an ihrer

statt
versteckten sie

ein püppchen aus
holz die mutter

lachte
beim spiel

Sophia Barthelmes (1989), die vor allem in den Bereichen Theater und Performance arbeitet, lässt in dieser Lyrikveröffentlichung eine gewisse Nähe zu performativen Ausdrucksformen erkennen: Durch den großzügigen Raum, den sie Worten und Buchstaben einräumt, entsteht der Eindruck einer Bühne, auf der Sprache zur Aufführung kommt. Konsequent ist von daher, dass die Buchpremiere dieses Buches zusammen mit dem Voice Artist Alexey Kokhanov stattfand. Sound, Reim bzw. Ungereimtheiten, Worttrennungen und Zeilensprünge machen den Ton des 111 Seiten umfassenden Gedichtes aus, das von Matthes & Seitz in der Reihe „Rohstoffe“ 2025 herausgegeben wurde. Im Zentrum des Langgedichts steht die Beziehung zwischen Mutter und Kind, die in unterschiedlichen Konstellationen ausgeleuchtet wird. Bevor sich dieses Thema jedoch wirklich greifbar fassen lässt, rücken zunächst Form und Ton in den Vordergrund, da sich die Situation, in die die Lesenden hineingeworfen werden, erst allmählich im Verlauf der Lektüre erschließt.

Das Langgedicht beginnt zurückhaltend und entfaltet Tonalität und Sprache nur allmählich. Die erste Seite füllen die zwei Zeilen draußen / ist es hell.  Diese werden auf der nächsten Seite wiederholt und durch zwei Verse ergänzt: drinnen / ist jemand. Der schreibende Blick beginnt auf den ersten Seiten tastend und gewinnt mit der Zeit an Sicherheit. Das gesamte Gedicht entwirft eine Szenerie, die nicht so sehr die feingliedrige Beschreibung einer Welt entwickelt, sondern sich in Alltagshandlungen, einer fragenden Zurückhaltung und in erinnerten oder gar imaginierten Erlebnissen verliert, um in wiederholten Rückgriffen zu jener Handlung der ersten Szene zurückzukehren und auf sie zu verweisen:

ich gehe
zum schrank

wähle
wäsche 

lege sie
ab auf 

dem stuhl
die lehne

lehne
dort 

setze mich
ab

Die reduzierte Wortwahl lenkt den Blick auf Bedeutungsverschiebungen. Das Objekt „lehne“ wird zum Verb „lehne“, ein Wortspiel, das den Wechsel der umgebenden Objekte in der subjektiven Wahrnehmung widerspiegelt. Wenn der Lesefluss nach jeder Zeile, jedem Verspaar stoppt, so können wir der Person in der beharrlichen Suchbewegung des Einrichtens zuschauen, dem Suchen nach dem Ich, das im fragendem Ton spricht: 

jemand sitzt
auf meinem bett 

sitze
ich 

ich
sitze

auf meinem bett
auf der kante

Die konsequent durchgehaltene Versform mit ihrer Fokussierung auf wenige Silben bildet einen geschwächten Körper, einen zerrütteten Geist ab, aus dem die Worte zumindest am Anfang zunächst langsam herauströpfeln. Sie erscheinen wie hinter milchigem Glas wabernd und unstet und sich selbst hinterfragend. 

Die zeilenbrechende Zäsur wird poetisches Programm. Zum einen fungiert die Überwindung des Zeilenendes als zentrales Stilmittel, zum anderen führt das beständige Aufgreifen und Wiederholen von Wörtern (siehe nächstes Textbeispiel) zu einem tastenden Entlanghangeln, das Spuren legt und variierend weitergeführt wird. Ein solches formales Wagnis, ein Durchbrechen vielfach bekannter Formen ist seit der Moderne erst einmal nichts Neues oder Wundernswertes. Die Reduktion einer Zeile auf nicht viel mehr als ein Wort kann Spiel sein oder minimalistische Intonation, kann aber auch konsequente Methode sein, Konzept, dem sich die Verse unterordnen. Ebenso wie der Titel ein reim, der laut Klappentext den Blick auf das Ungleiche, Ähnelnde und die Gleichheiten des Reims lenke. Doch schon obiges Beispiel illustriert das Fehlen jeglicher Reimstrukturen, das die Gedichte kennzeichnet und wirft deshalb eher Fragen auf, denn erkenntnisfördernd in das schmale Bändchen einzuleiten.

ein reim ist dabei ein von Tränen, einer stillen Melancholie und unfassbarer Überforderung gezeichneter Text, dessen untergründige Traurigkeit sich in der Handlungslosigkeit dieses jemand/ich spiegelt. Eine Traurigkeit und Einsamkeit, die an die Stimmung in Cartarescus Melancolia denken lässt – auch wenn hier nicht Kinder, sondern eine Mutter im Zentrum steht, die in ähnlicher Weise verletzlich, unsicher und der Welt ausgesetzt erscheint. Ohne die dort anzutreffende überschäumende phantastische Imaginationskraft wendet sich ein reim stattdessen alltäglichen Begebenheiten zu und macht gerade das Ringen um die passenden – oft schlicht greifbaren – Wörter selbst zum poetischen Ereignis.

Tragendes Thema des Langgedichts ist die Auslotung der Konstellation von Mutter und Kind: Schwangerschaft, Erziehung, Krankheit, das Weinen und das kindliche Spiel bestimmen die dargestellte Beziehung. Diese Beziehung ist durch den traurig fließenden und bedrohlichen Strom des Futur II bestimmt: gewesen sein / werden. Das Futur II verdrängt temporär das Präsenz und zeigt das dauerhaft Beunruhigende an, das an späterer Stelle im Text in der gewählten Zeitform des Präteritums zur festgezurrten und unhintergehbaren Notwendigkeit wird: sie / war. 

Mit diesen zwei Worten beginnt das thematische Ende des Langgedichts, dass jene Trauer im Umfeld von Sein und Sterben, Tod und Vergänglichkeit situiert. Die Wortwahl erinnert an den Eigentlichkeits-Topos Heideggers, wenn dieser vom Tod spricht: zu dem [dem Tod] man sich / eignet // dem zugeeignet / man ist. Selbst wenn das zugeeignet Verse später in zugeneigt umschwingt und damit den Übergang von einem eignen zu einem fremdbestimmten zueeignet eine passive Hilflosigkeit ausdrückt, entstehen aus der konzeptuellen Anlage zugleich Wortspiele, die sich stellenweise verselbstständigen. Konzept und sprachliches Spiel greifen dabei ineinander: Während die Setzungen erkennbar einer formalen Idee folgen, entwickeln sie im Vollzug eine eigene Dynamik. Gerade in dieser spielerischen Eigendynamik eröffnen sich Bedeutungsräume, die mitunter zu überraschend gelungenen Wortprägungen und Versreihen führen.

ich könnte dich
schüttlen lüttschen 

schültten
könnte ich dich

könnte dich
schttülen

tültschen
tültschen ich dich

Das Schütteln der Buchstaben geschieht wie in einem Würfelbecher in dem Buchstabengruppen von schüttlen neue Kombinationen ergeben. Andere Verse sind direkter und prägnanter, da sie nicht die ausgreifende sprachliche Bedeutungserkundung benötigen, sondern durch die Wiederholung eine eindrückliche Relevanz und sinnstiftende Tragweite vermitteln:

mit
dem kind

wächst
im körper

wächst
ein tod der

kommt nicht
ist da

immer
da

Stilistische Parallelen zeigen sich in Yannic Han Biao Federers im vergangenen Jahr erschienenem Buch Für immer sehe ich dich wieder, in dem er den Tod seines Sohnes literarisch verarbeitet. Beiden Texten, im Angesicht der Verknüpfung von Tod und Elternschaft, liegt eine einfache Sprache und ein Begreifen-Wollen als Suche nach dem Erzählen zugrunde. Die reihende Wiederholung wird zu einem stilbildenden Muster. Bei Federer heißt es bei der Aufzählung des Essens im Krankenhaus: „[…] es gibt Äpfel und Birnen und Kiwi, es gibt Kekse und Furchtjoghurt, Salat, Brot, Aufschnitt […]“ (S.21) und zur Bestätigung, was tatsächlich auf dem Tablett ins Zimmer gebracht wurde: „Das Tablett mit dem Brot und dem Käse und dem Obst und dem Joghurt […]“ (S. 27). Die Aufzählung wird auch in ein reim zur sich selbst vergewissernden Wirklichkeitsbekundung: frühstückstisch im blick / milch honig brot und ei (S. 32) und in ähnlicher Form später: gedeckt / der tisch // milch und brot / und honig und ei (S. 84).

Das Langgedicht verzichtet auf jede explizite Intertextualität, auf jedweden Namen, also auf jede Form von konkreten Benennungen und Referenzen – den Dank an Peter Waterhouse und die sonstigen Nennungen im Paratext außenvorgelassen. ein reim inszeniert eine Bewegung nach innen, ungeachtet der äußeren Helligkeit (draußen / ist es hell). Der Text sucht einen eigenen Rhythmus sprachlicher Artikulation und des Verstehens. Das Erstaunliche und Erhellende an diesem Text ist die implizite Reflexion über das eigene Lesetempo und -verhalten. Die Worte bieten syntaktische Verständnisketten, die sich jedoch durch die vielfältigen Wiederholungen überlagern. Viele Verse laden zum erneuten Lesen ein, und man kann einzelne Teile mit anderen Sinneinheiten verbinden. So schwebt der Leseblick vorwärts, rückwärts und springt dementsprechend. Damit bildet das eigene Lesen die im Gedicht dargestellte Suche als Suche nach dem eigenen Leserhythmus ab. 

Das lineare Lesen wird zum Stolpern gezwungen. Es stolpert, da sich die Wörter erst im Lesefluss erschließen, einem Lesefluss, der durch die dichte Folge von Zeilensprüngen zum immerwährenden Springen angehalten ist. Wie beflügelnd für ein lineares Lesen und doch eintönig wären hingegen ein festgelegtes Versmuster oder auf Endreime absehende Verse. Mit dem Reim wird etwas festgesetzt, aber das widerspricht dem Credo des Textes, er überspringt schwebend den Reim. Die Wörter klingen bis zum Zeilen- und Seitenrand, haben ihren Raum und sind eben nicht in Reime gezwungen. Ein Reim befreit den Reim aus vorgegebenen Mustern und öffnet einen Resonanzraum eigener Lesarten, deren Rhythmus und Sinn sich je unterschiedlich entfalten. Das Verständnis verbleibt, dekonstruktivistisch gesprochen, als spurenhafte Zeichenkette, die das Druckbild des Textes bildet. Es bleibt dennoch die Frage, warum der Titel so einen starken Bezug zum Reim aufmacht und damit Erwartungen an eine direkte Auseinandersetzung weckt. Umso irritierender ist es, dass entsprechende Überlegungen im Text nicht aufgegriffen werden. Durch das teils melodiöse, fast singsanghafte Wiederholen von Wörtern und das erneute sprachliche Ansetzen entfaltet sich vielmehr ein aufgeschobener Versuch, einen Reim zu finden, fast wie eine tastende Bewegung, der Suche nach dem verlorenen Reim, die nicht das eigentliche Zentrum des Textes bildet, sondern vielmehr als formeller Ausdruck einer übergeordneten Suche nach Verarbeitung und Vergegenwärtigung lesbar wird.

Das Faszinierende am Text ist sein Balanceakt. Trotz melancholischem Grundton bewahrt er eine erzählerisch-stilistische Leichtigkeit, die das Traurige nicht verdrängt, aber immer wieder auflockert und gelegentlich sogar übersteigt. Das Stolpern wird eben nicht zum Fallen, sondern zu diesem freien und gleichwohl angstmachenden Moment des kurzen, ungewollten Schwebens, in dem eben beides vorherrscht: Leichtigkeit und Fall. Vermag der Reim auch beim Stolpern keinen Halt zu geben, so klammert sich der Text desto mehr fest an den klirrenden Zeichenketten.

 

David Gabriel

 

Sophia Barthelmes: ein reim, Rohstoff Verlag (Matthes & Seitz), Berlin 2025.