Gregor Kunz – Luftschiffhalden

Gregor Kunz ist ein Autodidakt, der sich gegen Widerstände eine eigene künstlerische Bildung erschrieben und erarbeitet hat. Der 1959 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller und Künstler legte 1978 das Abitur ab. Danach wollte er Malerei und Grafik studieren. Die Eignungsprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bestand er, das Studium wurde ihm dennoch verwehrt. Stattdessen arbeitete er in verschiedenen Berufen in der DDR: zum Beispiel als Forstarbeiter, Briefträger und Kinohilfskraft.

Die eigentliche Berufung aber blieb die Kunst. Von 1996 bis 2010 war Kunz als Kulturjournalist tätig. Gedichte schreibt er seit 1979. Schon in der DDR publizierte er in Literaturzeitschriften und im Samisdat. Auch nach Mauerfall und Wende erschienen seine Gedichte weiterhin in Zeitschriften. Seit 2020 liegen nun mehrere Bände unter dem gemeinsamen Titel Luftschiffhalde vor. Die ersten drei Bände, Luftschiffhalde I bis III, erschienen bei Moloko Print und versammeln Gedichte aus den Jahren 1982 bis 2019. Sie bilden eine Werkschau, die in umgekehrt chronologischer Ordnung angelegt ist: von III zu I.

Der jüngste Band der Reihe, Luftschiffhalde IV, ist bei poetenladen erschienen und umfasst, wie der Untertitel verrät, Gedichte aus den Jahren 2020 bis 2025. Alle Bände sind weiterhin über Moloko Print beziehungsweise, der vierte Band ist bei poetenladen erhältlich.

Schon der Titel dieser Reihe verlangt nach einer Interpretation. Eine Luftschiffhalle ist ein Gebäude zur Unterbringung von Luftschiffen, ein Hangar, in dem Zeppeline gebaut, gewartet oder aufbewahrt werden. Kunz aber macht daraus eine Luftschiffhalde. Aus dem Ort des Schutzes wird ein Ort der Ablagerung, vielleicht auch der Überreste. Das Wort verschiebt die Perspektive. Es nimmt der luftigen, technischen, eleganten Vorstellung des Luftschiffes ihre Glätte und stellt ihr etwas Abgelagertes entgegen. Gerade darin liegt eine poetische Spannung, die für Kunz’ Gedichte insgesamt charakteristisch ist.

Auch die Gestaltung des Covers von Luftschiffhalde IV spielt mit dieser Spannung. Die rundlich gebogene Form der hellblau schraffierten Halbkreise erinnert an Zeppeline, Heißluftballons oder eben an jene Hallen, in denen solche Flugkörper untergebracht wurden. Über diesen Halbkreisen fliegen Wortvögel davon, gebildet aus Buchstaben. Die Idee, aus Wörtern Bilder zu formen, ruft die Bildgedichte des frühen 20. Jahrhunderts auf, Kalligramme, wie man sie etwa von Apollinaire kennt. Doch das gekonnt von Miriam Zedelius illustrierte Cover zitiert diese Tradition nicht platt. Auch die Halbrunde selbst bestehen, bei genauerem Hinsehen, aus Wortlinien in sattem Hellblau auf schneeweißem Grund. So entsteht ein Spiel mit der Lesererwartung und mit einer Avantgarde, die inzwischen selbst zur Tradition geworden ist.

Überhaupt arbeitet sich Kunz an solchen Gegensätzen ab: Innovation und Tradition, Avantgarde und Arriviertheit, Höhe und Ablagerung. Die Luftschiffhalde ist kein bloßer Titel, sondern ein poetisches Programm. Sie bezeichnet keinen Aufstieg, sondern eine Bewegung, die aus Hebung und Senkung besteht.

Der Gedichtband fühlt sich schwebend, nicht schwerelos an, luftig, aber auch schwer. Denn Kunz’ Texte suchen eine neue Sprache, neue Bilder und neue Formen des Ausdrucks. Was den Band kennzeichnet, ist Verdichtung und luftige Schwere. Wo andere beim Versuch stehen bleiben, scheint Kunz bereits angekommen zu sein. Er hat viel geschrieben, viel ausprobiert, viel verworfen und bewahrt. In Luftschiffhalde IV wirkt das Verfahren zur Vollendung gekommen. Das Spiel mit Bildern, Farben und Formen bringt eine künstlerische Komponente in die moderne Lyrik ein, die hier wie eine Notwendigkeit erscheint. Synästhesie wird hier nicht als Effekt eingesetzt, sondern als Form der Erkenntnis.

Gelb in der Brache, das herzählt, wenn Wind geht, du weißtschon, alles was fehlt,
wenn Wind heult ums Haus, der gläserne Glanzwolf zerschellt, schwarz an der Nacht

Schon diese Zeilen zeigen, wie Kunz Wahrnehmung verdichtet. Farbe, Bewegung, Erinnerung, Verlust und Geräusch treten miteinander auf und verbinden sich. Es ist nicht die Brache selbst die gelb ist, sondern das Gelb ist in der Brache. Und was bedeutet das Wort „herzählen“? Der Wind bringt das Fehlende mit sich. Und der „gläserne Glanzwolf“ ist ein Bild, das sich nicht sofort entschlüsseln lässt, und gerade deshalb haften bleibt. Es ist eine jener Metaphern, die nicht erklären, sondern einen Raum öffnen.

Auffällig ist auch, dass in der Reihe Neue Lyrik bei poetenladen die Erde, die Halden, die Landschaften und Brachen immer wieder eine besondere Rolle spielen. Bei Kunz ist die Landschaft kein Hintergrund, sondern Herkunftsraum, Speicher und Gegenüber. Wenn er von Kindheit spricht, spricht er auch von Landschaft: von Löchern, Bergbau und Brachen, von Eisen und Holz. In dieser Hinsicht lässt sich eine Nähe zu Marit Heuß erkennen, deren Gedichtband Verschlissenes Idyll (poetenladen, 2025) ebenfalls für seine landschaftliche Verwurzelung gelobt wurde. Auch bei ihr ist Landschaft nicht nur eine Kulisse, sondern Erfahrungsschicht. Bei Kunz heißt es:

Vor Augen Raunen, das Raunen der Pflanzen, die ungeschicktlaufen, langsam und zäh

Verhängt war der Raum, ein Dämmern mit Löchern; imKasten ein Ich lag sehr still,
pulsierte in der Höhle, hinter Türen, schweren und weißen, und Schlössern, kantig,

             aus Eisen.

Etwas summte, das waren Fliegen,

In diesen Zeilen verdichtet sich der Raum zu einem Zustand. Pflanzen raunen, der Raum ist verhängt, das Ich liegt im Kasten, in einer Höhle, hinter Türen und Schlössern. Kunz erinnert sich zu Beginn des Bandes an seine Kindheit. Doch diese erscheint nicht als nostalgisches Erinnerungsbild, sondern als eingeschlossener, körperlicher Erfahrungsraum. Die Dinge sind nicht einfach da. Sie lasten. Sie summen. Alles ist Bild, Ton, Klang, Farbe, Material.

Man könnte über die Farben, die Synästhesien, die Metaphern und die Gegenstände dieser Gedichte lange literaturwissenschaftliche Abhandlungen schreiben. Auch über das Du in diesen Texten ließe sich nachdenken. Was ist das für ein Du? Ein konkretes Gegenüber? Ein inneres Gegenüber? Eine Adresse an die Lesenden? Oder ein Rest von Gespräch in einer Sprache, die eigentlich monologisch zu werden droht und sich doch immer wieder öffnet?

Gerade diese Offenheit macht die Gedichte stark. Sie verweigern sich der schnellen Paraphrase. Sie wollen nicht sofort verstanden, sondern wieder gelesen werden. Das kann das Lesen erschweren und verlangsamen. Doch es ist eine produktive Verlangsamung. Man merkt diesen Texten an, dass an ihnen lange gearbeitet wurde. Nichts wirkt beiläufig, nichts bloß hingeworfen. Die Gedichte sind dicht, manchmal spröde, oft dunkel, aber nie leer. Sie fordern Aufmerksamkeit ein und belohnen sie mit Bildern, die nicht verschwinden, sobald man das Buch schließt.

Gefolgt gelöschten Schwalben, Kiefern, Fliederbüschen, Rosen, schwarzen Schriften.
Das Geräusch rollender Tonnen aus Blech, immer wieder gingdieser Lautsprecher an.
Funken gab es am Fenster des Zugs, der fuhr durch die Nacht.

Vielleicht liegt darin die besondere Qualität von Gregor Kunz’ Luftschiffhalde IV: Dieser Band sucht nicht nach lyrischer Gefälligkeit. Er setzt auf Verdichtung, Reibung und eine eigensinnige Bildsprache. Die Gedichte steigen auf, aber sie bleiben mit der Erde verbunden. Sie schweben nicht davon. Sie tragen ihre Halden mit sich. Nach Marit HeußGedichtband Verschlissenes Idyll (poetenladen, 2025) oder Bänden von Volker Sielaff oder Bertram Reinecke, Thomas Böhme und Elke Erb ist es ein weiterer Band der Reihe Neue Lyrik, der mit dazu beiträgt, dass sich immer deutlicher die Konturen einer Art sächischen Schule herausbilden, die zu faszinieren weiß.

Florian Birnmeyer